Power für den “Mosel Riesling” Ein Weinanbaugebiet im Aufbruch

“Ave Maria mundi spes — erhalt uns armen München
du weißt es ja, wir brauchen es, den Wein in unserem
Tönnchen.
Der Saft der aus der Traube quoll, kann nimmermehr uns schaden.
Juchhe! Wir sind schon wieder voll — schon wieder voller Gnaden!”
Wilhelm Busch:
“Der Heilige Antonius von Padua”
Mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von ca. 22 Liter an Weinen in Deutschland ist die Weinwirtschaft ein umkämpfter Markt. Der Anteil der Weine von Mosel, Saar und Ruwer verzeichnete von 1994 auf 1995 ein leichtes Minus.
Adolf Schmitt, Vorsitzender der Mosel-Weinwerbung, stellte zudem fest, daß der Konsument ein geringes Interesse an Moselweinen hege und demzufolge auch der Weinfachhandel sowie der LEH den Verkauf nicht sonderlich forcierten.
Der Mosel-Saar-Ruwer Wein e.V. unter der Geschäftsführung von Christel Erbisch wurde 1964 gegründet, um durch gemeinsames Auftreten die Vorzüge und Anliegen des Weinanbaugebietes darzustellen. Die Weinaktivitäten der Weinwerbung wurden nun unter zeitgemäßen Gesichtspunkten neu gestaltet und der Werbeetat entsprechend erhöht.
Unter Weinkennern wird der Riesling hoch geschützt und als eine der besten Weißweinsorten der Welt bezeichnet.
Jedoch, das Riesling-Image hat Federn gelassen. Ramponiert wurde dieses Image insbesondere von Massenproduktion, Billigstpreisen, minderer Qualität und der Säureproblematik, die insbesondere heute bei “gestre§ten Mägen” eine große Rolle spielt.
Die Weinerzeuger und ihre Werbeorganisation wollen nun alles daran setzen, sich wieder am Markt zu behaupten.
Die Werbeorganisation hat eine neue Werbekampagne unter dem Slogan “Der Mosel Riesling — Neue Liebe zu einem großen Wein” gestartet. Geworben wird in auflagestarken Magazinen und in der Gourmetpresse. Für die begleitende Werbung stehen Deckenhänger und Regalstopper für den PoS-Einsatz sowie Displays zur Verfügung.
Der Weinherbst 1996 hat für die deutschen Anbaugebiete unerwartet gute Qualitäten gebracht. Die gesunden Trauben haben eine längere Reifezeit ermöglicht, so daß der Anteil der Qualitätsweine überwiegen wird.
Nach den Hochrechnungen soll der neue Jahrgang in der Menge niedriger als erwartet ausfallen, jedoch sind sehr fruchtige und ausdrucksstarke Weine zu erwarten.
Von den guten Lagen an Mosel, Saar und Ruwer sind von diesem Jahrgang, falls trocken oder halbtrocken ausgebaut, hervorragende Riesling-Hochgewächse-Weine als ausgezeichnete Speisebegleiter zu erwarten. Auch hier wird der Jahrgang 1996 als ein überdurchschnittlicher Weinjahrgang registriert. Ein weiterer Aspekt der längeren Reife der Trauben ist die Reduzierung der Säure. Der Anteil der reifen Weinsäure gegenüber der harten, unreif wirkenden Apfelsäure nimmt ständig zu. Die qualitätsorientierte und umweltschonende Bewirtschaftung der Winzer von Mosel, Saar und Ruwer hat im Jahre 1996 positive, deutliche Wirkung gezeigt. Tafelweine werden nicht geerntet, jedoch zahlreiche Kabinett- und Spätlesequalitäten. Aufgrund der geringeren Erntemenge sind die Keller nicht “überlaufen”.
Die Winzer haben die Hoffnung auf stabile, beziehungsweise leicht steigende Weinpreise.
Obwohl die deutschen Weinanbaugebiete mit dem Jahrgang 1996 einen hervorragenden Wein bieten können, wird sich dieser aufgrund der internationalen Konkurrenz schwer tun. Die Vielzahl der Konsumenten wählt einen Wein danach aus, wie er “schmeckt” und nach dem Produktprofil des jeweiligen Weines. Der “ahnungslose” Verbraucher wählt aus, was gerade “schick und in” ist, wie die Rebsorten Pinot Grigio, Chardonnay oder Sauvignon Blanc.
Deshalb ist es absolut wichtig, dem Riesling wieder ein Produktprofil zu verschaffen. Prof. Dr. Dieter Hoffmann, Forschungsanstalt Geisenheim, sieht die Chance für den Riesling in der Nische “fruchtbetont und leicht”.
Georg Raquet, Vorsitzender der Vereinigung Pro Riesling, stellte hierzu fest: “Wir müssen den Rieslingtyp prägen und dürfen nicht warten, bis dies die Überseeländer tun.” Exakt dieses hat die Werbeorganisation von Mosel, Saar und Ruwer in Angriff genommen. Die Weinanbieter, Weingüter, Winzergenossenschaften und Weinkellereien, ebenso die Gastronomie wurden mit der neuen Werbelinie vertraut gemacht und aufgefordert, auf die angebotenen Werbemittel zurückzugreifen.
Allein die gezielte Unterstützung der Werbeorganisation reicht hier selbstverständlich nicht aus. Ein sehr wichtiges Kriterium ist, wie wohl auch erkannt, Qualität statt Quantität.
Weine brauchen Zeit zum Reifen, aber nicht nur im Weinberg sondern auch im Keller. Wird mit allen zur VerfŸgung stehenden technischen Mitteln die Reife beschleunigt, werden junge, frische und säurebetonte Weine auf den Markt gebracht. Kein besonders gutes Image für einen Riesling und eher schädlich für das Produktprofil. Winzer, die qualitätsorientiert arbeiten, lagern ihre Weine mindestens 16 Monate in Faß, Tank und/oder Flasche.
Nur mit anspruchsvollen, gut ausgebauten Weinen, kann der Riesling wieder an Anerkennung gewinnen.

Köche und Winzer an der Terassenmosel — Kreatives Genießen

Die sehr ansprechende Mosellandschaft ist ein guter Botschafter für den Riesling. Dieses haben auch die Küche und Winzer erkannt. Mit der Arbeitsgemeinschaft “Küche und Winzer an der Terrassenmosel” sollen neue kulinarische Akzente gesetzt werden. In zahlreichen Restaurants kann man heute die moderne Küche der Regionen genießen, dazu die jeweils dort heimischen Weine aus der Region. Die Weinerzeuger bemühen sich, mehr Partner in der Gastronomie zu finden und in ihrer Region ist ihnen dieses beispielhaft gelungen. Beispielsweise werden komplette Menüs mit den dazu passenden Weinen angeboten.

Impressionen für Körper, Geist und Seele

Ein sehr lobenswerter “Werbeträger” für die Mosellandschaft und somit selbstverständlich für den dort erzeugten Wein, sind die alljährlich stattfindenden Orgelwanderungen.
Am Unterlauf der Mosel präsentieren sich die Dorfkirchen meist oberhalb der Orte am Hang der Weinberge und gehören überwiegend der Romanik und der Gotik an. Zur damaligen Zeit gab es noch ein festgegründetes Zentrum allgemeiner Musikausübung: die Kirche.
In der heutigen rationalen Welt kann die Kirchenmusik früherer Zeiten eine innere Harmonie vermitteln, die im absoluten Gegensatz zur Rastlosigkeit und Hetze der modernen Gesellschaft steht. Gewandert wird über dem Bremmer Calmont, von dem die Winzer behaupten es sei der steilste Weinberg Europas (378 Meter, 65 Prozent Steigung). 13.770 Weinbaubetriebe zählt das Gebiet an Mosel, Saar und Ruwer, 180 Winzerorte und 88 Millionen Rebstücke. Auf dem stark terrassierten Calmont wird ausschließlich Riesling angebaut. Bis an die Spitze ist er mit Weinstücken bepflanzt, maschinelle Arbeit ist hier nicht möglich. Kombiniert werden die Orgelwanderungen mit zünftigen Winzeressen sowie heimischen Weinen und Spirituosen.

“Den Leib und Geist erhält gesund
der Wein an Vormittagen.
Es stärkt ein Trunk zur Mittagsstund
die Leber und den Magen.
Zur Vesperzeit ist aus dem Krug
ein Trünklein anzuraten.
Am Abend kann ein frischer Zug
und auch bei Nacht nichts schaden.”

Klosterregel
von Wilhelm Busch aus
“Der Heilige Antonius von Padua”

Revolution im Wingert:
Moselwinzerin Sybille Kuntz geht einen eigenwilligen Weg

Auch das gibt es an der Mosel: In einer gebeutelten Region, in Lieser bei Bernkastel-Kues, liegt das Weingut Sybille Kuntz. Zurückblickend auf eine rund zweihundertjährige Tradition, wird es jetzt in der sechsten Generation bewirtschaftet. Der schwierige Balanceakt bei der Weinerzeugung — die Verknüpfung von Tradition und eigenen neuen Ideen — ist der neununddreißigjährigen Kellermeisterin hervorragend gelungen.
Ausschlaggebend hierfür war sicherlich das Studium der Wirtschaftswissenschaften in Wuppertal. Das betriebswirtschaftliche Wissen und die lange Tradition des Weingutes waren für Sybille Kuntz der Schlüssel zum Erfolg.
Sybille Kuntz wollte ein Unternehmen aufbauen, bekanntlicherweise wird hierzu Kapital benötigt. Aber woher beschaffen, gelten Weingüter bei Kreditanstalten doch eher als kreditunwürdig. Kompromißlos bei der Qualität, dem integrierten Weinbau verschrieben, wird nur Riesling in besten Lagen angebaut. Flächen die sich nicht eigneten wurden verkauft, gute Lagen hinzugekauft. Die Kapitalbeschaffung ist ebenso ungewöhnlich wie bemerkenswert….. Genußscheine.
Mit einem Mindestbetrag von DM 1.000,00 und einer Mindestlaufzeit von einem Jahr in Form eines Darlehens, können sich Anleger an dem Weingut Sybille Kuntz beteiligen. Verzinsung zehn Prozent per annum, in Naturalzins ausgestattet. Nach Fristablauf können beide Vertragspartner das Darlehen kündigen, bei 100prozentiger Rückzahlung.
Die Auszahlung des Zins in Naturalien erfolgt auf Wunsch entweder in Weinen, die in den regulären Verkauf gelangen oder in einer Spezialabfüllung, welche ausschließlich für Genußscheininhaber reserviert ist. Rund 100 Interessenten sollen bereits in einem Gesamtwert von DM 150.000,00 Genußscheine erworben haben, berichtete Sybille Kuntz. Das Kapital wird ausschließlich in das Unternehmen investiert.
Ausgebaut werden die Kuntz’schen Weine ausschließlich in Holzfässern, von Vater Kuntz, einer der letzten Küfer im Moseltal, hergestellt und gepflegt. Die Weine werden mit einem Anteil von 70 Prozent trocken, 25 Prozent halbtrocken und nur bis zu fünf Prozent frucht-, beziehungsweise edelsüß ausgebaut. Abgefüllt werden die Weine in der klassisch-schlanken Moselflasche. Das Etikett ist schlicht und einfach, denn den Wein “macht der Winzer”. In Deutschlands Spitzengastronomie sind die Weine von Sybille Kuntz bereits vertreten, beispielsweise Hotel Breitenbacher Hof/Düsseldorf, Landhaus Scherrer/Hamburg oder Steigenberger Hotel, Gästehaus Petersberg/Königswinter.
Auch das britische Warenhaus Harrods führt mittlerweile nahezu die gesamte aktuelle Produktpalette der erfolgreichen Moselwinzerin.
Allerdings bleibt zu bemerken, daß es sich hier um eine Kapitalanlage handelt, der keine Sicherheiten im üblichen Sinne gegenüber stehen, wie beispielsweise ein Grundbucheintrag. Auch war es der Redaktion nicht möglich, die wirtschaftliche Situation des Weingutes Sybille Kuntz zu überprüfen.

“Maßnahmen zur Qualitätsverbesserung im kurtrierischen Weinbau”
von Kurfürst Clemens Wenzeslaus von Sachsen

Ein Rückblick in das achtzehnte Jahrhundert zeigt, daß die heutigen Problematiken an der Mosel mit den damaligen sehr verwandt sind.
Auch in diesem Jahrhundert hatten die Weinbauern mit einer übermächtigen französischen Konkurrenz, hohen Steuern und Einfuhrzöllen zu kämpfen. Untersucht wurde von den Beamten der kurfürstlichen Regierung aber auch, welche Faktoren weinbauintern für den rückgängigen Absatz mit verantwortlich waren. Hierüber gibt das Kurtrierische Hofratsprotokoll vom 27. März 1787 Auskunft.
Claudius v. Lassaulx, Geheimrat (1769-1791), stellte zusammenfassend fest, daß unbedingt neue Reben zur Qualitätsverbesserung angebaut werden müßten und folgende vier Fehler von den Winzern im Trierer Land begangen worden seien:
“Der erste Fehler bey unserem Weinbau bestände darin, daß zuviel Kleinberger gebaut und der zweite, daß diese (Rebe) gar noch mit einer durchaus verwerflichen Traube, rheinisch genannt, vermischt würde. Diese Traube wäre gäntzlich auszurotten und zu dem Ende in der Stille die gemessenen Weisungen an die betreffenden Ämter zu erlassen. Der dritte Fehler wäre, daß die Stücke gar zu hoch und bis zu acht Schuh (ca. 2,40 Meter) gezogen würden. Der vierte Fehler läge darin, daß manche Wingerten in Flächen angelegt wären, die zum Weinwachs gar nicht taugen. Diese müßten ausgerottet werden.”
Kleinberger wird heute noch an der Obermosel angebaut und trägt den Namen Elbling. Zur damaligen Zeit war der Kleinberger sehr frostempfindlich und somit gab es etliche Mißernten. Vermutet wird daß es sich bei den “verwerflichen Trauben rheinisch genannt” um eine Abart des Kleinberg oder Elbling handelte. Am 8. Mai 1787 beschloß Kurfürst Clemens Wenzeslaus zur Verbesserung der Landwirtschaft nachstehenden Erlaß:
“Nachdem Seiner kurfürstlichen Durchlaucht die zuverlässige Nachricht zugegangen, daß hin und wieder eine unter dem allgemeinen Nahmen rheinisch bekannte Gattung von Weinreben ihrer besonderen Fruchtbarkeit halber häufig angepflanzet, die davon erscheinende Trauben aber wegen ihrer schlechten Eigenschaft und Säure dem guten Gewächse ungemein nachtheilig werden und daher ganze, sonst vorzüglich beliebte Orts-Markungen mit der Zeit in übelen Ruf gebracht und von den Käufern gescheuet werden könnten, als ergehet hierdurch an das Amt N.N. die gemessen höchste kurfürstliche Weisung…, unmittelbar nach eingethanen diesjährigen Herbst die in seinem Amtsbezirke liegende Weinberge mit Zuziehung der Vorsteher eines jeden Ortes genauest besichtigen, somit alle darin sich findende Stück von obgedachten schlechter Trauben-Gattung lediglich ausrotten, somit eben diese Besichtigung und Ausrottung von Jahr zu Jahr unter seiner selbsteigenen Aufsichte wiederholen zu lassen.”
Dieser Erlaß führte natürlich zu einer gro§en Unruhe und auch Not. Aufgrunddessen wurde am 30. Oktober 1787 eine Verordnung dahingehend verabschiedet, da§ die Ausrottung der schlechten Reben auf sieben Jahre nach Verkündigung zu verteilen sei.
Neuangepflanzt werden sollten nur noch ausschlie§lich purer, grüner Riesling und grüner Kleinberg. Bilsenroth und Bergroth (zwei rote Rebsorten) sollten vermieden werden.
Rotweinanbau ist an Mosel-Saar-Ruwer erst wieder seit dem 1. April 1987 offiziell zugelassen, neben Spätburgunder, Dornfelder, Dunkelfelder und Müllerrebe. Bisher wurden 180 Hektar mit Rotweinreben bepflanzt, rund 1,5 Prozent der gesamten Anbaufläche des Gebietes.

Zwei junge katholische Priester gerieten in einen Gewissenskonflikt, ob sie wohl während einer Meditation Wein trinken dürften. Sie schrieben an den Vatikan. Als die Antworten kamen, stellten sie erstaunt fest, daß es dem einen verboten, dem anderen erlaubt wurde; Der eine hatte angefragt, ob er beim Meditieren Wein trinken dürfe. Die Antwort war nein. Der andere hatte gefragt, ob er beim Weingenuß meditieren dürfe. Man antwortete ja.

Psalm:
“Du lässest Gras sprossen für die Tiere und Gewächse, für den Bedarf des Menschen, daß Brot aus der Erde hervorgehe, und Wein, der des Menschen Herz erfreut.”
(Wilhelm Busch)