Profil und Stil für deutschen Wein

Ein Gastkommentar von Gerd Knebel

Wein liegt im Trend. Von positiven Tendenzen am Weinmarkt berichtete das Deutsche Weininstitut auf der Fachmesse ProWein in Düsseldorf. Im Jahre 1996 konnte seit vielen Jahren der Stagnation wieder ein Anstieg im Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland festgestellt werden. Insgesamt waren es 18,7 Millionen Hektoliter Wein und Sekt, die durch die Kehlen der Verbraucher in deutschen Landen flossen. Ein Spitzenergebnis, von dem die heimischen Weinerzeuger aber nur in eher bescheidenem Umfang profitierten. Importweine aus Italien, Spanien, Frankreich und den neuen Weinländern Australien, Chile und Südafrika haben mengenmäßig stärker zugelegt als deutsche Gewächse. Woran liegt das? Sind die deutschen Weine nicht gut genug?
Das sei keine Frage der Weinqualität, sondern eher eine Frage des Images und des Weinstils, meint Dr. Dieter Hoffmann, Marketingprofessor der Weinhochschule Geisenheim. Nach wie vor genießen deutsche Rieslingweine ein hohes Ansehen. Rieslinge aus berühmten Lagen von Mosel-Saar-Ruwer, aus dem Rheingau, vom Mittelrhein, der Nahe und aus der Pfalz erzielen jährlich Spitzenresultate bei internationalen Vergleichsproben und Weinversteigerungen. Weinjournalisten loben große Rieslingweine als beste Weißweine der Welt.

Imageprobleme bei deutschen Weinen

In der Statistik der Weltanbaufläche wird die Verbreitung dieser Sorte mit 34.300 Hektar angegeben. Eigentlich müßte es ein Klacks sein, die jährlich weltweit produzierten zirka zwei Millionen Hektoliter Rieslingwein mit guten Gewinnspannen für Erzeuger und Händler zu vermarkten. Der Name Riesling allein garantiert aber noch keinen Markterfolg, obwohl er im Bekanntheitsgrad bei deutschen Weinkonsumenten ganz weit oben angesiedelt ist.
Haben deutsche Weine mit Imageproblemen zu kämpfen? Image ist die eigentliche Realität. Image entsteht in den Köpfen der Verbraucher und stellt deren Wertschätzung für das jeweilige Produkt dar.
Also Pinot Grigio, Sauvignon blanc und Chardonnay, statt Riesling, Rivaner und Grauer Burgunder. Der Verbraucher will Qualität, Genuß und Erlebnis in einfacher, unkomplizierter Aufmachung. Er bekommt von der deutschen Weinwirtschaft häufig ein Sammelsurium von unterschiedlichen Produkten und Qualitäten in einem Dschungel unzähliger verschiedener Weinbezeichnungen.

Weinprofil – hier scheiden sich die Geister

Weinprofile, an diesem Begriff scheiden sich die Geister. Versuch einer Definition: Weinprofile sind feststehende Kombinationen zwischen einer definierten Geschmacksvorstellung (Weinstil) in Verbindung mit einer Weinbezeichnung. Warum bieten die deutschen Vermarkter Weine mit der Sortenbezeichnung Müller-Thurgau nicht grundsätzlich in lieblicher Geschmacksrichtung an und nennen ihre trockenen Müller-Thurgau-Weine ganz einfach Rivaner? Dies wäre eine echte Orientierungshilfe für die Verbraucher. Und, es könnten noch eine ganze Reihe ähnlicher Profile entstehen: Silvaner, Dornfelder, Grauer Burgunder, Weißburgunder, Elbling und Chardonnay jeweils nur trocken; Riesling Qualitätswein trocken; Riesling-Hochgewächs halbtrocken, Riesling Kabinett lieblich, Riesling Spätlese feinherb und lieblich, Riesling Auslese trocken und edelsüß etc.

Umdenken erforderlich

Die deutsche Weinwirtschaft muß lernen, einfacher zu denken. Im deutschen Weinrecht sind mit 13 Anbaugebieten, 164 Groß- und 2.643 Einzellagen, vier Geschmacksrichtungen, zehn Qualitätsstufen und mehr als 50 verschiedenen Rebsorten mehrere Millionen unterschiedliche Weinbezeichnungen möglich. Das Fatale daran: Die Weinbranche scheint dies bis zum letzten Federstrich auch ausnutzen zu wollen. Vielfalt kann zum Fluch werden. Bei allem Respekt für die Produktqualität vieler deutscher Weine, solange noch eine Riesling Spätlese für 2,99 DM im Regal des Lebensmittelhandels neben einem Chardonnay aus Australien für 9,99 DM steht, wird es sehr schwer ein positiveres Image für deutsche Weine zu erreichen.
Wie findet ein(e) Weinfreund(in) in Deutschland echte Weinqualität? Antwort: Beim Winzer, im Fachhandel, bei Weinmessen, über neutrale Weinwettbewerbe wie Landes- und Bundesweinprämierungen, bei Weinversteigerungen und durch das Studium der Hochglanzmagazine zum Thema Wein. Das trifft im großen und ganzen zu. Aber diese Klientel Weintrinker macht nur einen sehr bescheidenen Anteil der Bundesbürger/innen aus.

Profilbildung: Ein wichtiges Kriterium

Weit über 50 Prozent der Weinauswahl wird gewissermaßen anonym getätigt. Ohne Weinkenntnisse, ohne Beratung, ohne kleine Probe, ohne vorherige gedankliche Zielsetzung – ein Griff ins Regal und schon hat sie wieder zugeschlagen, die Ungewißheit beim Weineinkauf. Gerade in diesem Bereich wäre die Profilbildung so außerordentlich hilfreich und wichtig. Größere Kellereien und Winzergenossenschaften haben die Zeichen der Zeit erkannt, ihre Sortimente gestrafft und bieten Weine in attraktiver Aufmachung, guter Qualität und einfacher Wiedererkennbarkeit an. Gutes Beispiel hierfür ist die Moselland eG Winzergenossenschaft in Bernkastel-Kues. Sie entwickelte ein ausgesuchtes Weinsortiment mit einem klaren Gebiets- und Markenprofil. Neben einem Schoppenweinsortiment in Literflaschen wurden verschiedene Linien entwickelt: Akzente, Classic und Einzellagenweine als Spitzensortiment. Der Erfolg am Markt gibt dieser Konzeption recht.

Zeitgemäßer Weinstil

Neben der Frage der Weinprofile muß sich die deutsche Weinwirtschaft verstärkt dem Thema Weinstil stellen. Ist der Stil vieler deutscher Weine noch zeitgemäß? Auch in dieser Frage muß mehr verbraucherorientiert agiert werden. Das Fachgebiet für Betriebswirtschaft und Marketing an der Weinhochschule Geisenheim hat in den letzten Jahren sehr viel in dieser Richtung gearbeitet. Aktuelle Marktforschungsergebnisse liegen nun vor. Nach wie vor gibt es Freunde/innen fruchtsüßer Weine, die auch eine etwas betontere Fruchtsäure mögen. Diese Verbrauchergruppe der traditionellen Weintrinker für deutschen Wein wird auch in Zukunft bei der Statistik des Pro-Kopf-Verbrauches ein gewichtiges Wort mitsprechen.
Das große Potential für deutsche Weine liegt aber in einer anderen Richtung, in der bereits die ausländischen Weinanbieter erfolgreich sind: Pinot Grigio, Chardonnay und mit steigender Tendenz Sauvignon blanc. Der Stil dieser Weine ist trocken, das heißt ohne schmeckbare Süße, mit wenig oder gut eingebundener Säure, Körper, Struktur, also mindestens 11 vol% vorhandenem Alkohol und einer ausgeprägten Fruchtnote.
Tests auf den wichtigen Weinmärkten Großbritannien, USA und Bundesrepublik Deutschland haben gezeigt, daß so vinifizierte deutsche Gewächse ihre Wettbewerber der Welt-Weißweinerzeuger in den Schatten stellen können.
Bei Vergleichsverkostungen hatten deutsche Rieslinge, Burgunder und Rivaner in der Verbraucherpräferenz klar die Nase vorn. Wahre Frucht entsteht unter bestimmten Klimabedingungen im Weinberg und kann nicht durch eine noch so ausgefeilte Kellertechnik hervorgerufen werden.
Im Keller können die im Weinberg entstandenen Qualitätseigenschaften lediglich erhalten und geformt werden. Die Methoden dazu sind bekannt: Selektion von reifem und gesundem Lesegut, schonende Traubenverarbeitung, scharfe Vorklärung und kühle, temperaturkontrollierte Vergärung, möglichst in Edelstahltanks. So entstehen Produkte, die weltweit erfolgreich sind und vor allem auch bei jüngeren Verbrauchern Anerkennung finden.
Der heimischen Weinwirtschaft braucht vor der Zukunft nicht bange zu sein. Sie muß aber die Herausforderungen im harten Wettbewerb um die Weltweinmärkte annehmen und konsequent markt- und verbraucherorientiert arbeiten. Weingenuß muß zum Erlebnis gemacht werden. Eine wohlwollende Berichterstattung in den Medien verstärkt die positive Imagebildung. Themen wie Wein und Gesundheit, Wein und Kultur, Wein und Geschichte, Wein und Touristik, Wein und gutes Essen etc. tragen dazu bei, daß moderater Weinkonsum in der Gesellschaft einen hohen Stellenwert erhält und letztendlich Genuß, Freude und Lebensgefühl vermittelt.
Ob dies gelingt, entscheidet der Markt, beziehungsweise der Verbraucher ganz allein.
Daher ist er bei allen Entscheidungen über Weinrecht, Weinbezeichnungen, Weinprofilen und Weinstilen in die Überlegungen der Strategen einzubeziehen.

Der Autor:
Gerd Knebel wurde am 12.12.1956 in Winningen an der Mosel geboren und absolvierte an der Fachhochschule Wiesbaden in Geisenheim eine Ausbildung zum Dipl. Ing. für Weinbau und Kellerwirtschaft. Von 1979 bis 1993 war Gerd Knebel Fachberater für Landwirtschaft und Weinbau bei der Hoechst AG. Seit Januar 1993 ist Knebel Redakteur der Winzer-Zeitschrift (DWZ) mit Veröffentlichungen auch in anderen Fachzeitschriften und nebenberuflich Winzer aus Leidenschaft auf seinem Riesling-Weingut in Winningen an der Terassenmosel. Für seinen Familienbetrieb (Größe: 1 ha, 100 Prozent Riesling) hat sich Gerd Knebel die Aspekte umweltschonender Anbau, geringer Anschnitt, Weinbergsarbeit als traditionelles Handwerk, sowie die Anpassung von Düngung und Pflanzenschutz an den tatsächlichen Bedarf und eine sehr späte Lese auf die Fahne geschrieben.