Alkohol: Ursachen bekämpfen, nicht Symptome

Kommentar

von Timur Dosdogru

Alkohol ist – laut vorherrschender ärztlicher Betrachtung – mit das gefährlichste Suchtrauschmittel überhaupt, außerdem fast immer die Einstiegsdroge für alle anderen.
Das muß klar festgehalten werden. Der “Aktionsplan Alkohol”, den die Ländergesundheitsministerkonferenz so gern in der bisher vorliegenden restriktiven Form verabschieden würde, enthält daher wirklich sinnvolle Forderungen und Bestrebungen, um den Alkoholmißbrauch einzudämmen. So weit, so gut. Nur, die ganzen wohlgemeinten Maßnahmen in die Tat umzusetzen, scheitert an leeren Kassen. Beim Lesen des Papiers erstaunt man schon, wenn man erfährt, daß es in der Bundesrepublik keinen einzigen Lehrstuhl für Suchterkrankungen gibt. Mal ehrlich, wer hätte das gedacht?
Daß Hersteller und Vertreiber sich gegen Beschränkungen und Werbeverbote aussprechen, ist logisch. Die völlige soziale Ächtung, ja sogar ein komplettes Verbot für den Konsum und den Verkauf von Alkohol, wurde in den 20er Jahren in den USA vorexerziert. Die Folge: Es wurde gesoffen wie noch nie zuvor und danach. Und die Mafia hat sich gefreut.
In Zeiten stetig rückläufigen Alkoholkonsums geht es für die Industrie um essentielle Marktanteile, die sie über die Werbung zu erreichen versucht, sprich, den Kuchen anders aufzuteilen. Das zu unterbinden, kann nicht Sinn der Sache sein, außerdem ist es verlogen. Schließlich verdient ja auch Vater Staat kräftig an den Steuern mit, wie auch beim Tabak, außerdem zeigt auch das Gezerre um die Promillegrenze ganze Halbherzigkeit. Wer es ernst meint, muß Alkohol am Steuer generell verbieten, aber wahrscheinlich gibt es doch mehr trinkende Politiker (die sich außerdem fahren lassen), als allgemein angenommen.
Auch der Aktionsplan der Länderminister liefert viele Zahlen und Fakten zum Thema Alkoholmißbrauch, Sucht, Krankheit, Gewalt, und Tod. Nur, nach einem Punkt sucht man in dem Papier vergeblich: die Gründe für Alkoholmißbrauch. Bis zu fünf Millionen Arbeitslose wurden für diesen Winter prognostiziert. Das Heer der Sozialhilfeempfänger wird immer größer, Jugendliche finden keinen Job, verlieren soziale Bindungen, führen auf der Straße ihr eigenes Leben.
Die Jugend einer Gesellschaft ist ihre Zukunft, das predigen auch die Politiker, die aber zunehmend den Bezug zur Realität verlieren, weil sie zu sehr mit der Erhaltung ihrer Pfründen beschäftigt sind. Schätzungen gehen davon aus, daß wahrscheinlich jedes dritte bis vierte Kind in Deutschland bereits an der Armutsgrenze aufwächst. Viele Kinder leben von Geburt an mit der Sozialhilfe ihrer Eltern, viele davon werden womöglich nie in ihrem Leben aus dem Teufelskreis herauskommen. Natürlich gibt es Alkoholmißbrauch in allen Gesellschaftsschichten, aber daß dieses soziale Umfeld diesen Effekt noch verstärkt, kann wohl niemand ernsthaft bestreiten. Da helfen auch Lippenbekenntnisse nichts, daß jetzt endlich etwas getan werden müsse, um den sozialen Frieden zu retten. Anstatt sich mit unsinnigen Verboten und Verordnungen zu beschäftigen, muß man bei den Ursachen anfangen.
Sicher, man kann sich auch aus freudigen Anlässen bis zum Umfallen betrinken, aber alkohol- oder sonstwie drogenkranke Menschen haben meist Probleme, egal ob sie daran selbst schuld sind oder nicht, egal, ob die Probleme Ursache der Sucht sind oder umgekehrt. Vielleicht gäbe es aber weniger Alkoholkranke und Suchtgefährdete, wenn nicht immer mehr Menschen um ihre Existenz bangen müßten. Fünf bis sieben Millionen Alkoholiker soll es in Deutschland geben. Warum haben die wohl angefangen zu trinken? Bestimmt nicht aus Frust wegen einer fehlenden Werbebeschränkung für Alkohol.
Der Bundeskanzler wirbt dieser Tage im Zeichen des Wahlkampfes mit dem Slogan “Es geht um Deutschland”. Ob er das wirklich schon gemerkt hat?