Deutschen Brunnen gelang 1998 die Emanzipation vom Wetter

Trotz verregnetem Sommer leichtes Plus PET-Glas-Ökobilanz vorgestellt

von Timur Dosdogru

Mineralwasser scheint sich nach Ansicht des Verbandes Deutscher Mineralbrunnen (VDM) im vergangenen Jahr von der Witterung emanzipiert zu haben. Im Geschäftsjahr 1998 hat es die deutsche Mineralbrunnenbranche geschafft, trotz eines verregneten Sommers ein leichtes Plus von 0,1 Prozent auf 9,6 Milliarden Liter (natürliche Mineral- und Heilwässer und Brunnenerfrischungsgetränke) zu erreichen und damit das bisherige Rekordjahr 1997 noch zu übertrumpfen. Allerdings beklagt die Branche einen massiven Preisverfall.

Aggressiver Preiswettbewerb

Auch im ersten Quartal 1999 konnten die Brunnen an die guten Zahlen des Vorjahreszeitraumes Januar bis März anknüpfen und den Absatz noch einmal um knapp ein Prozent steigern.
Damit hat sich die Branche auf einem hohen Niveau stabilisiert. Der Verbrauch der stillen Mineralwässer nahm um vier Prozent zu, die Mineralbrunnen-Erfrischungsgetränke wuchsen um fünf Prozent, ein sattes Absatzplus von 36 Prozent verzeichneten die Mineralwasser-plus-Frucht-Getränke.
Für das Jahr 1998 verzeichnete das Segment Mineral-und Heilwasser ein leichtes Absatzminus (0,5 Prozent) von 7,51 auf 7,48 Milliarden Liter gegenüber dem Vorjahr. Damit kam jeder Bundesbürger entsprechend dem Vorjahr auf einen statistischen Pro-Kopf-Verbrauch von 93,4 Liter Mineral- und Heilwasser. Mit 64,2 Prozent nahm hier Mineralwasser mit normalem Kohlensäuregehalt die Vorreiterrolle ein, mußte aber Einbußen von 2,7 Prozent hinnehmen. Die stillen Wässer erreichten einen Zuwachs von 6,1 Prozent womit ihr Marktanteil von 28,7 auf 30,5 Prozent anstieg. Der Absatz bei Heilwasser ging um 8,6 Prozent zurück, der Marktanteil sank auf 4,2 Prozent. Nach ihrem Plus des Vorjahres mußten auch die aromatisierten Wässer Einbußen von 2,7 Prozent erleiden und kommen auf einen Marktanteil von 1,1 Prozent.
Deutliche Unterschiede bei den Konsumgewohnheiten macht der VDM zwischen alten und neuen Bundesländern aus. In den alten Bundesländern wird immer noch wesentlich mehr Mineral- und Heilwasser getrunken. Im Gegensatz zum Westen, wo der Absatz um 1,3 Prozent fiel, ist er im Osten um 8,9 Prozent gestiegen. Der Verband erwartet eine Angleichung der Konsumgewohnheiten, für die neuen Bundesländer noch “erhebliche Steigerungsmöglichkeiten”. Insgesamt beschäftigte die Branche im vergangenen Jahr 15.700 Mitarbeiter, 200 weniger als im Vorjahr. Exportiert wurden 300 Millionen Liter Mineral- und Heilwasser, während 240 Millionen Liter in die Bundesrepublik eingeführt wurden.
Mit Unbehagen sehen die Brunnenunternehmen die Entwicklung von Sprudlergeräten, mit denen Leitungswasser mit Kohlensäure aufgesprudelt werden kann. Es wird geschätzt, daß sich der Anteil von aufgesprudeltem Leitungswasser schon bald auf zehn Prozent vom Gesamtvolumen belaufen wird.

Mineralwasser kontra Leitungswasser

Der VDM rechnet vor, daß der Kauf von Mineralwasser für eine Durchschnittsfamilie mit einem jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch von 100 Litern preiswerter sei, als aufgesprudeltes Leitungswasser, wenn man alle Kosten für Reinigungswasser, Ersatzflaschen und Kohlensäurepatronen rechne.
Der Untersuchung wurde ein durchschnittlicher Kastenpreis von 6,72 DM zugrunde gelegt. Danach schneidet der Liter aufgesprudeltes Leitungswasser bis zu sechs Pfennig teurer ab als ein Liter natürliches Mineralwasser. Außerdem sei davon auszugehen, daß die geringere Bindung der Kohlensäure eine kürzere Haltbarkeit zur Folge habe und schätzungsweise 20 Prozent des aufgesprudelten Wassers nicht getrunken würden. Zudem sei die Keimfreiheit nicht gewährleistet, so der Verband und viele Wasserwerke müßten ihr Wasser zeitweise mit Chemikalien aufbereiten und desinfizieren. Untersuchungen in der Schweiz seien zu demselben Schluß gekommen. VDM-Geschäftsführer Wolfgang Stubbe schätzt, daß fünf bis acht Prozent aller Haushalte sich ein Aufsprudelgerät angeschafft haben. Im Verband tröstet man sich aber mit der Annahme, daß eine hohe Dunkelziffer das Gerät aus Produktenttäuschung in den Keller verbannt hat.
Eine Untersuchung des Magazins test der Stiftung Warentest kommt in der Ausgabe 5/99 zu einem anderen Ergebnis. Ausgehend vom Verbrauch eines Kastens Mineralwasser pro Woche und einem Preis von 400 Mark im Jahr und unter Berücksichtigung der Geräte- und Zusatzkosten (Patronen, Wasserverbrauch) mache sich auch in einem Singlehaushalt mit einem Tagesverbrauch von nur 0,7 Liter die Anschaffung eines solchen Gerätes nach dem ersten Jahr bezahlt – allerdings ohne Berücksichtigung des Keim-Problems und der Reinigung.
Besonders würdigte der Verband die sogenannte Perlenflasche für Mineralwasser, die in diesem Jahr ihr 30. Jubiläum feiert und als das Synonym für Mineralwasserverpackung steht. Seit Ende der 60er Jahre wurden insgesamt vier Milliarden Stück von ihr produziert, zwei Milliarden dieser Flaschen befinden sich derzeit im Mehrwegpool der deutschen Mineralbrunnen. Das bestehende Investitionsvolumen allein für die umlaufenden Mehrwegflaschen beträgt rund 800 Millionen Mark. Aneinandergestellt würden sie fast viermal um den Äquator reichen. Eine einzige wird durchschnittlich 50 Mal wiederbefüllt und ersetzt damit rund 100 Getränkedosen mit 0,33 Liter Inhalt. Die rund vier Milliarden Perlenflaschen, so der Verband, entsprächen etwa 400 Milliarden Dosen, was einem Müllberg von über 16 Millionen Tonnen Weißblech oder Aluminium gleichkomme, heißt es.
Die Genossenschaft Deutscher Brunnen als zentrale Einkaufsorganisation der Branche sieht sich besonders als Verfechterin des Mehrweggedankens. Seit Mitte Februar testet sie mit sieben Mitgliedsbrunnen im Handel eine 0,7-l-PET-Mehrwegflasche für Mineralwasser mit Kohlensäure. Sollten die Mitgliedsbetriebe im Sommer positiv entscheiden, wird die neue hellblaue Literflasche mit nur 56 Gramm Gewicht in den Flaschenpool der Genossenschaft aufgenommen werden. Der Test in rund 100 ausgewählten Verkaufsstellen soll die Pooltauglichkeit und die Verbraucherakzeptanz zum neuen Gebinde prüfen. GDB-Vorstand Andreas Rottke wird nicht müde zu betonen, daß die Mehrheit der Verbraucher jedoch sicherlich die Glasflasche bevorzugen werde und schätzt den Mineralwasserabsatz, der auf PET entfallen könnte, auf 15 bis 20 Prozent.
In Bonn stellte die GDB eine unabhängige Ökobilanz der Institute Prognos (Basel), ifeu (Heidelberg), pack force (Oberursel) und GVM (Wiesbaden) vor, welche laut GDB die derzeit umfangreichste Analyse von Mehrweg-, beziehungsweise Einwegverpackungen im Mineralwasserbereich darstellt.
Danach schneiden in allen relevanten Wirkungskate-gorien die PET-Mehrwegsysteme deutlich besser ab als die PET-Rücklaufsysteme (Einweg) – auch wenn die ökologisch ungünstigste PET-Mehrwegflasche mit der günstigsten PET-Rücklaufflasche verglichen wird. Allein der Treibhauseffekt ist bei Mehrweg schon fast 50 Prozent geringer. Auch bei den übrigen Indikatoren gibt es zum Teil erhebliche Unterschiede.
Beim Vergleich der PET-Rücklaufflaschen mit Glasmehrwegflaschen kommt die Studie bei Transportentfernungen von branchendurchschnittlichen 180 Kilometern zu dem Schluß, daß die PET-Mehrwegflaschen mit 15 und fünf Umläufen insgesamt als gleichwertig, besonders zur Literglasflasche zu betrachten sind.
In den wichtigen Umweltauswirkungen (Treibhauseffekt, Ressourcenverbrauch, Versauerung, teilweise Überdüngung) finden sich vergleichbare Ergebnisse. Bei Entfernungen, wie sie für kleinere Brunnen üblich sind (rund 110 Kilometer) schneiden die Glasflaschen wieder besser ab, während bei Entfernungen von 300 Kilometern, wie sie für große Brunnen typisch sind, die PET-Mehrwegflasche besser dasteht. Auch PET-Rücklaufflaschen schneiden bis 180 Kilometer schlechter ab. Bei kleineren Brunnen mit durchschnittlich 110 Kilometer Transportentfernung verbessert sich außerdem die Glasflasche noch. Eine Verbesserung erreichen die PET-Rücklaufsysteme erst ab einer Entfernung von 300 Kilometern, aber auch bei diesem Vergleich ist die Glasflasche noch unschlagbar. So frohlockt denn GDB-Vorstand Rottke: “Mehrweg ist Einweg vom Material klar überlegen.” Es gilt aber als ziemlich sicher, daß der Verband in diesem Monat positiv entscheiden und die 1-l-PET-Mehrwegflasche in den Pool aufnehmen wird.