Mittelständler geraten weiter unter Druck

Unprofilierte Unternehmen mittelfristig nicht rentabel Zahl der Betriebe nach wie vor rückläufig

von Timur Dosdogru

Nach Ansicht des Bundesverbandes des Deutschen Getränkefachgroßhandels e. V., Düsseldorf, sollten sich die Unternehmen der Branche wieder auf ihre Kernkompetenz und kundenorientierte Serviceangebote besinnen.
“Unternehmen mit einem unprofilierten Mix aller Vertriebsmöglichkeiten Richtung Einzelhandel, Streckengeschäft, Gastronomie und Abholmärkten sind mittelfristig nicht mehr rentabel”, meinte Verbandspräsident Carl-Heinz Willems bei der Vorstellung des Geschäftsberichtes 1997/98 in Düsseldorf. Die Zukunft gehöre profilierten Dienstleistern.
Die Ertragslage wird aus Verbandssicht als “zufriedenstellend” bezeichnet, doch geraten die 3964 überwiegend mittelständischen Unternehmen (geschätzte Zahl 1998: 3500) zunehmend unter Druck. Die Konzentration in Industrie und Einzelhandel, die rückläufige Gastronomie und die gleichzeitige Zunahme der Gebindevielfalt bei sinkenden Preisen haben Umsätze und Erträge nicht ungeschoren gelassen, wovon auch die umsatzstarken 1398 Mitgliedsbetriebe des Bundesverbandes nicht verschont blieben.
Diese erwirtschafteten 1996 über 80 Prozent des Gesamtumsatzes von 28,47 Milliarden Mark. Im ersten Halbjahr 1998 wird bei den Verbandsunternehmen eine durchschnittliche Umsatzsteigerung von 1,01 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum verzeichnet, wohingegen die Erträge um 0,98 Prozent sanken. Die Branche geht davon aus, daß sich diese im Verhältnis zum Umsatz abschwächende Ertragslage mittelfristig fortsetzen wird. Dafür spricht nach Ansicht von Hauptgeschäftsführer Günther Guder die Entwicklung der letzten Jahre. Nach einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes konnten Getränkefachgroßhandelsunternehmen mit einem Umsatzvolumen von über zwei Millionen Mark 1997 gegenüber dem Vorjahr beim Umsatz noch ein Plus von zwei Prozent erreichen, im ersten Halbjahr diesen Jahres waren es nur noch 0,6 Prozent Zuwachs gegenüber 1,01 Prozent bei den Verbandsbetrieben. Gab es 1994 noch 4587 Großhandelsunternehmen, wurden 1996 nur noch 3964 Betriebe gezählt. Die Zahl der Beschäftigten lag 1996 bei 53.423.
Daß die Konzentration sich auch im Großhandel fortsetzt, zeigt die Tatsache, daß knapp 500 GFGH-Betriebe pro Jahr rund zehn Millionen Mark umsetzen und damit rund 21,1 Milliarden Mark Umsatzvolumen auf sich vereinen. 1,548 Milliarden Mark Umsatz entfallen auf etwa 2170 Betriebe mit einem Jahresumsatz bis zwei Millionen Mark. Mit einem Anteil von 58 Prozent am Gesamtumsatz der Branche ist Bier immer noch der wichtigste Umsatzträger, gefolgt von AfG (32 Prozent), Saft (6 Prozent) und Spirituosen (4 Prozent).

Außengastronomie in diesem Jahr “praktisch ausgefallen”

“Durch den verregneten Sommer ist die Außengastronomie in diesem Jahr praktisch ausgefallen”, so Günther Guder. Mittelfristig rechnet der Verband auch mit einem weiteren Rückgang des Pro-Kopf-Verbrauchs beim Bier (derzeit rund 131 Liter) unter die 130-Liter-Marke. Nicht nur sinkende Erträge in Handel und Gastronomie bereiten der Branche Bauchschmerzen, auch die noch unklare Situation der Gebinde- und Verpackungspolitik sorgen für Verunsicherung. Der Bundesverband rechnet für 1997 bereits mit einer Unterschreitung der mindestens vorgeschriebenen Mehrwegquote von 72 Prozent (die Zahlen lagen Redaktionsschluß noch nicht vor), die eine zwingende Neuregelung nach sich ziehen würde.

Ungerechte Behandlung bei Einweg-Bepfandung

In Brüssel, so Guder, seien im kleinen Kreis Bestrebungen im Gange, das seit 1995 gegen die Bundesrepublik Deutschland laufende Vertragsverletzungsverfahren hinsichtlich der Mehrwegquote wieder aufzunehmen.
Besonderes Ärgernis für Guder: Bei einer weiteren Unterschreitung der Mehrwegquote würden die betroffenen Produkte nach ihren Zahlen von 1991 bewertet. Nach jetziger Rechtssprechung würden dadurch die Produktgruppen mit höherem Mehrweganteil (Bier, Wasser) bepfandet, im Gegensatz zu Produktgruppen ohne Mehrweg (Erfrischungsgetränke).
Beim Stichwort PET sieht Hauptgeschäftsführer Willems, der diesem Gebinde durchaus positiv gegenübersteht, außerdem ein “riesengroßes Chaos” nahen, wenn sich die Industrie nicht bald über Gebinde und einheitliche Pfandsätze einigt: “Die Pfandsätze müssen vor allem ‘runter. Außerdem weiß der Verbraucher bald überhaupt nicht mehr, wieviel Pfandgeld er für die eine oder andere PET-Flasche bekommt.”
Außerdem fordert Willems eine Abkehr von den Individualkästen: Daß auf einem durchschnittlichen Betriebsgelände des Getränkehandels allein rund 500 verschiedene Kastenarten untergebracht werden müßten, sei nicht mehr zumutbar.
Die wachsende Gebindeindividualisierung, wo jeder eine exklusive Flasche und einen ebensolchen Kasten wolle, gehöre eher zu den “spleenigen Marketingideen” über deren absatzsteigernde Funktion man geteilter Meinung sein könne.
Die Entwicklung der Dose läßt für den Getränkefachgroßhandel auch nichts Gutes vermuten. Mit 4,7 Millionen Hektoliter Bier lag der Anteil der Halbliterdose erstmals deutlich über der Menge der verkauften 0,33-l-Mehrweg- und der gesamten Einwegflaschen, die vier Millionen Hektoliter erreichten. Der Dosenanteil kam damit (0,33-,0,5-l- und 5,0-Liter) auf einen Marktanteil von 21,3 Prozent. Bedenklich für den Bundesverband ist auch der anhaltende Preisverfall der Dosen. Über 80 Prozent der Halbliterdosen werden für weniger als eine Mark verkauft, davon rund 33 Prozent für weniger als 69 Pfennig.
Die Zukunft des Getränkefachgroßhandels liegt für Hauptgeschäftsführer Guder in Kooperationen der Betriebe hinsichtlich gemeinsamer Logistikaktivitäten, Einkaufs- und Vermarktungsstrategien. Besonders im Gespräch sei der Aufbau eines Heimlieferservice für Getränke, den sich vor allem auch ältere Menschen leisten würden. Zu diesem Thema sollen künftig Fachseminare durchgeführt werden.