»Man muss viel trinken«

Ein sehr persönliches Resümee der „3. Sommertage der Getränkewirtschaft“ in Leipzig

Auf die Frage, wie man zum BierpaPst (mit „p“ und nicht mit „b“ wohlgemerkt, um mögliche Parallelen zu Aufstieg und Fall einer einstmals populären amerikanischen Biermarke zu vermeiden) der Nation wird, antwortet Conrad Seidl, Gose schlürfend: „Man muss viel trinken.“ So könnte auch das Motto der 3. Sommertage der Getränkewirtschaft lauten, offiziell liefen die zwei Tage in Leipzig jedoch unter dem fast schon philosophisch anmutenden Thema „Realität und Visionen im Getränke-Marketing“. Als Nicht-Fachfrau, die sich durch dreijährige Werbetätigkeit für ein großes Mineralquellen-Unternehmen in Bielefeld mehr im AfG-Bereich, denn im Biergeschäft auskennt (allerdings bekennende Bier-, Wein-, Sekt- und Spirituosen-Trinkerin ist), bin ich unbefangen, aber neugierig auf diese Veranstaltung gefahren.

Eröffnet wurde das Ganze mit einer aus meiner Sicht spannenden Diskussion über das Ansehen des deutschen Bieres im In- und Ausland. Spannend einerseits, weil mit Conrad Seidl und Michael Jackson sicherlich zwei der schillerndsten Repräsentanten des bierschreibenden Gewerbes vertreten waren, spannend auch, weil beide wirklich etwas zu sagen hatten.

Hier die key-facts:

Das deutsche Bier verkauft sich unter Wert – national und international. Die Devise „make it more expensive“ verlangt aber nach umfangreichen Werbe- und PR-Maßnahmen, die dem Konsumenten mehr Information über erstklassige Produktqualität liefern und somit eine Preiserhöhung rechtfertigen. Sich hierbei auf dem deutschen Reinheitsgebot auszuruhen, ist ignorant.

In einer Zeit, in der die bewusste Lebensweise immer populärer wird, verlangt der Verbraucher nach mehr Aufklärung. Er will wissen, was er trinkt, woher es kommt, wie es entsteht. „Inhaltsstoffe: Wasser, Hopfen, Malz“ reicht da als Aussage nicht mehr aus. Tell him more, dann ist er auch bereit, mehr zu zahlen.

Mehr Klasse als Masse. Ein einfaches Pils kann jeder produzieren. Der Schwerpunkt sollte vielmehr auf die Kreation von neuen  Spezialitäten und deren  entsprechende Vermarktung gelegt werden. Beispiel Gose-Bier: für einige gewöhnungsbedürftig, aber auf jeden Fall was anderes. Der leicht säuerlich schmeckende Gerstensaft, dem sogar Koriander beigemischt wird, wird für 20 Mark pro Flasche verkauft!  „Go to Austin“. Deutsche Brauer, die ins Ausland exportieren möchten, sollten mit ihren Spezialitäten nicht in die großen Metropolen gehen, sondern sich sogenannte „beer-minded-citys“ wie eben Austin/Texas, Philadelphia oder andere suchen. Dort ist die Nachfrage größer und die Gefahr, dass das Produkt in der allgemeinen Angebotsflut untergeht, kleiner.

Und last but not least, Conrad Seidls eindringliche Aufforderung: „Trinkt mehr (Bier)!“ – womit wir wieder beim Thema wären.

Viel getrunken wurde auch beim Get Together im „Bayerischen Bahnhof“ in Leipzig. Wie mir ein Insider mitteilte, der wichtigste Abend der ganzen Veranstaltung.

Was mich wundert, da ich denke, dass bei so einem Seminar nicht nur Kontaktpflege und Kundenakquise  im Vordergrund stehen sollten. Doch wahrscheinlich ist es in der Getränkebranche wie überall – sehen und gesehen werden ist ein entscheidender Faktor, um an den „Sommertagen“ teilzunehmen.

Die Highlights der folgenden eineinhalb Tage sind willkürlich zusammengestellt und sehr subjektiv:  Beeindruckend die unterschiedlichen Erfahrungsberichte ostdeutscher Marketingleiter, beziehungsweise Unternehmer – detaillierte Schilderungen ihrer persönlichen Erlebnisse unmittelbar nach dem Mauerfall. Beachtlich mit welchem Engagement, Durchhaltevermögen und zähem Optimismus sich jeder einzelne für sein Projekt eingesetzt hat. Mancher Wessi könnte sich davon eine Scheibe abschneiden…

Originell die „Jugend als Zielgruppe der Getränkeindustrie“ – so der Titel des Referats von Alexander Homeyer, Geschäftsführer der auf integrierte Jugendkommunikation spezialisierten Agentur Youngcom! und selbst erst 29 Jahre jung. Seine Thesen stützten sich auf eine Meinungsumfrage, in der verschiedene Jugendliche zu ihren Wünschen, Träumen und Konsumgewohnheiten befragt wurden.

Das Ganze – per Video aufgezeichnet – ein interessanter und repräsentativer Einblick in die jugendliche Szenelandschaft mit dem Eindruck, dass es um die deutsche Jugend doch nicht so schlecht bestellt ist, wie gerne behauptet wird. Sicher – sie trinken weniger Bier, dafür vernünftige Säfte und bizarre Wodkamischungen, sonst scheinen ihre Bedürfnisse und Ideale aber genauso normal, wie die der früheren Generationen. Auf die Frage, was sie sich für die Zukunft wünscht, antwortet eine Studentin: „Endlich einen g’scheiten Kerl!“

So einen wie Herrn Genscher?

Der war, um es jetzt mal ganz salopp auszudrücken, „extrem gut drauf“ und hat selbst mich, als relativ unpolitischen Menschen, sehr beeindruckt. Sein Erlebnisbericht zum Thema Wiedervereinigung war fesselnd, offen und sehr persönlich. Ein Highlight-Highlight sozusagen, dass nicht umsonst mit Standingovations belohnt wurde.
Kritisch anzumerken ist die Trägheit des Auditoriums, wenn es darum geht, Fragen zu stellen. Ein deutsches Phänomen, wie mir eine Journalistin erklärte. Ein trauriges deutsches Phänomen, wie ich meine.

Was sonst? Ich weiß jetzt, wie man eine Giraffe in den Kühlschrank bekommt, ohne sie zu zersägen und warum 90 Prozent aller Führungspositionen fehlbesetzt sind (weil die das eben nicht wissen – das mit der Giraffe). Aber das sind Interna, die nur die verstehen können, die wirklich dort waren. Am zweiten Abend mussten wir wieder viel trinken. Deshalb kann ich über den Freitag nichts mehr schreiben.

Salute!