Roussillon – ein Weinbaugebiet mit Seele

Text und Fotos: Martin Joest

Wer hat noch nicht davon geträumt, ein Reiseziel zu finden, in dem das Meer, die Berge und die Ebene unter einer einzigartigen Sonne in einladender Harmonie aufeinander treffen? Die Suche nach einem Weinbaugebiet, in dem Qualität, einzigartige Sorten, Vielfalt und ursprüngliche Originalität bei einem gesunden Preis-/Leistungsverhältnis aufeinander treffen, gestaltet sich nicht unbedingt einfach.

Roussillon, im äußersten Süden Frankreichs gelegen, bietet alle Bedingungen wie Sortenvielfalt, Reichtum an Terroir und Ausbauqualitäten, um zu schwelgen. Der am Mittelmeer gelegene Teil der Pyrenäen, ein jahrhundertelang unter den verschiedenen Völkern heftig umstrittenes Gebiet, erfreut sich einer einzigartigen Vielfalt, außerordentlichen Landschaft und eines historischen und kulturellen Erbes von allerersten Rang. Vor allem aber besitzt diese Region auch so etwas wie eine Seele, eine Seele, deren Ausstrahlung den Besucher ganz unverhofft in den kleinen Straßen eines alten Dorfes beim Genuss eines der köstlichen, traditionellen katalanischen Gerichte ereilt. So halten Weinbau und Gastronomie viele Schätze bereit, die in den außerordentlichen Weinen der Appellationen Collioure, Côte du Roussillon, Côte du Roussillon Villages, Rivesaltes, Muscat de Rivesaltes, Maury, Banyuls, und Banyuls Grand Cru ihren Höhepunkt finden.

Die Einflüssee, die die verschiedenen Höhenlagen auf das Rebwachstum haben, werden noch von den verschiedenen Terroirs verstärkt. Alle Charakter bildenden Eigenschaften scheinen in diesem Teil von Katalanien, der noch nicht so lange zu Frankreich gehört, sondern seine Blüte unter den Königen von Mallorca erlebte, besonders vielfältig zu sein und somit den Weinen ein vollkommen uneinheitliches Bild in einer so kleinen Region zu geben.

Die herausragende Besonderheit dieser sonnendurchfluteten Landschaft ist der Vin Doux Naturels, ein natursüßer Wein, dessen Erfindung auf den Arzt Arnau de la Vilanova 1285 in Perpignan zurückgeht. Die Gährung wird einfach mit reinem Alkohol unterbrochen – ein hoher Restzuckergehalt bleibt im Wein und zusammen mit dem Alkohol entsteht eine sehr haltbare Köstlichkeit.

In diesem frühen Stadium der Reife sind zarte Fruchtaromen beherrschend und entsprechen trotz ihrer enormen Süße heutigen Geschmacksvorstellungen. So finden sich immer wieder in Verkostungsnotizen Bemerkungen von frischer Frucht, speziell Pfirsich, Zitrone, Aprikose, Birne, aber auch Marzipan und Vanille. In diese Kategorie gehören Rivesaltes und Muscat de Rivesaltes, aber auch die neue Schöpfung Cuvée de Noel, ebenso ein Muscat de Rivesaltes. Die Reifung beträgt mindestens sechs Monate in der Flasche. Traditionell werden diese Weine auch unter freiem Himmel gealtert, in Holzfässern oder auch in Glasballonen, die nur lose abgedeckt sind.

Diese oxidativen Alterungstechniken sind in der Lage, noch einen ganzen Strauß an zusätzlichen Aromen hervorzubringen. Dies umfasst vor allem die Weine der Appellationen Maury, Banyuls und die Spitzen Rivesaltes, die dann oxidativ gereift als Rivesalte Tulié (rot), Rivesalte Ambré (weiß) und Rivesalte Hors D’age (mindestens fünf Jahre oxidativer Ausbau). Diese Weine können in der Nase von muffig bis schokoladig sein. Am Gaumen kommt dann das Erlebnis einer kompletten Süßspeisenkomposition aus Pflaumen, Feigen, Orangen, Walnüssen und des Kaffees hinterher.

Diese Tradition ist immer mehr auf die Spitzenlagen zurückgegangen, da das Hauptabnehmerland Frankreich nicht mehr so viele Süßweine nachfragt. Viele Winzer haben begonnen, die Rebflächen für die Erzeugung von trockenen Rotweinen zu bepflanzen.

Die Rotweine sind so exklusiv wie die Weine des Collioure, die auf nur 239 Hektar mit durchschnittlich 30 Hektoliter pro Hektar und maximal 40 Hektoliter pro Hektar – oder so verfügbar wie Côte du Roussillon und Côte du Roussillon Villages, die es auf eine Jahresproduktion von 330.000 Hektoliter bringen. Die Vin Doux Naturels sind mit 450.000 Hektoliter immer noch stärker vertreten. Das könnte sich in den nächsten Jahren aber ändern….

Die vollständige Redaktion finden Sie in unserer Print-Ausgabe 9/2000