Aufbruchstimmung: Karlsberg-Verbund wächst weiter international

Rede vom “Ausverkauf der deutschen Brauwirtschaft” ist “reine Panikmache”

von Timur Dosdogru

“Die Klage über die Schärfe des Wettbewerbs ist in Wirklichkeit meist nur eine Klage über den Mangel an Einfällen”, zitierte Dr. Richard Weber, geschäftsführender Gesellschafter des Karlsberg-Verbunds, den Politiker und Industriellen Walther Rathenau zur Situation der deutschen Brauwirtschaft. Zur Vorstellung des Geschäftsberichtes 2000/2001 zeigte sich der Karlsberg-Chef gelassen über den zunehmenden Einstieg ausländischer Braukonzerne in den heimischen Biermarkt und hatte kein Verständnis für verschreckte Reaktionen aus der Branche: “Bloß weil jetzt ein frischer Westwind weht, braucht man ja nicht gleich verschnupft zu reagieren.” Das sei nicht nachvollziehbare “Panikmache”, so Weber weiter. Schließlich sei nur ein Prozent der rund 1270 deutschen Braustätten in ausländischer Hand – keine Rede also vom Ausverkauf der deutschen Bierwirtschaft, nur von längst fälliger Konsolidierung – “Nirgends auf der Welt ist Bier so billig, wie in der Bundesrepublik.”

Mit Konsolidierungsproblemen hat die Homburger Gruppe nicht zu kämpfen, sie konnte im abgelaufenen Geschäftsjahr ein Rekord-Umsatzerlös von 1,138 Milliarden Mark erzielen, 36,5 Millionen Mark oder 3,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Insgesamt setzt die Gruppe einschließlich der frisch erworbenen Anteile der Mineralbrunnen AG Überkingen-Teinach (42,55 Prozent) derzeit rund 14 Millionen Hektoliter Getränke ab. Weber betonte in diesem Zusammenhang, dass die Muttergesellschaft Karlsberg Brauerei KG Weber weiterhin nicht zur Disposition stehe und auch die Anteile an der Mineralbrunnen AG nicht erhöht werden sollten. Bei den Karlsberg-Marken seien vor allem die Biermischgetränke MiXery und Desperados mit einem starken Plus hervorgegangen.

Bedeutender Eckpfeiler sei für Karlsberg vor allem auch der französische Markt, wo sich die Dosengebinde und der Fassbierabsatz besonders positiv entwickelt hätten. Überhaupt habe Karlsberg in Frankreich schon vor Jahren die Strategie angewendet, welche die ausländischen rentablen Konzerne jetzt in Deutschland anwendeten, so Weber weiter, der sein Biergeschäft in den nächsten Jahren weiter internationalisieren will. Dazu zählte Weber auch Kooperationen und Beteiligungen von Partnern aus dem In- und Ausland an operativen Gesellschaften, wie auch die Aufnahme neuer Produkte für den Lizenzvertrieb. Damit wollen sich die Homburger verstärkt in Richtung Sortimentsbrauerei mit “regionalen, nationalen und internationalen Marken” entwickeln. So soll die Marke MiXery auch in weiteren Ländern “auf die Reise” geschickt werden. Dort sollen ähnliche Zielgruppen wie in Deutschland angesprochen werden.

Wenn Weber auch traditionell zur Ertragslage (“sehr zufrieden stellend”) nichts näheres sagte, war er aber doch zu Scherzen aufgelegt bezüglich des Geheimnisses der Rezeptur des großen “X”: “Es handelt sich dabei um eine Kräutermischung aus dem nördlichen Nigeria, die wir in der Walpurgisnacht von Jungmännern ernten lassen.”

Künftig sollen auch die Marken ausländischer Partner in Deutschland aufgebaut werden. Ziel ist die Schaffung “weltweiter Netzwerke für die kompetente, kundenorientierte Bearbeitung regionaler Märkte”. Dazu gehöre auch der Ausbau der Distribution, weshalb die Homburger gerne noch weitere Getränkefachgroßhändler im Boot hätten.

Eine gute Ertragslage bescheinigte Weber dem AfG-Geschäft, wo Karlsberg einen Umsatz von 377 Millionen Mark erzielen konnte. 33 Prozent mache der AfG-Umsatz mittlerweile vom Gesamtumsatz aus. Auf dem Vormarsch seien vor allem Einwegverpackungen mit derzeit noch geringen Margen, wie sich bei der Karlsberg-Tochter und Coca-Cola-Konzessionärin Okko Getränke GmbH gezeigt habe. Zufrieden stellend im Jahresergebnis seien auch die Zahlen der Fruchtsaftgruppe (Merziger Fruchtgetränke GmbH & Co. KG einschließlich Lindavia, Klindworth Fruchtsäfte GmbH, Erwin Dietz GmbH & Co. KG), außerdem habe der Safthersteller Cidou in Frankreich seine Absätze steigern können. Das Credo “Wachstum mit starken Marken außerhalb des Biersegmentes” habe im Mai dieses Jahres mit der Übernahme des gesamten Nestlé-Aktienpakets der Mineralbrunnen AG weitere Früchte getragen, so Weber weiter. Mit deren Mineralwassermarken Teinacher, Überkinger sowie mit den Heilwassermarken Staatlich Fachingen, Hirschquelle und anderen solle das Engagement im südwestdeutschen Raum erheblich verstärkt werden. In den Bereichen Handel, Dienstleistung und sonstige Erlöse verzeichnete die Gruppe mit 116 Millionen Mark ein Plus von sieben Prozent. Im Conveniencebereich konnte die Tochter serviPlus GmbH Absatz und Umsatz steigern, ebenso die Tiefkühlkost-Zentrale GmbH.

Bei beiden Unternehmen kann laut Weber mit weiteren Zuwächsen gerechnet werden. Beim Immobiliengeschäft geht man bei Karlsberg mit über eine Million Quadratmeter von guten Perspektiven aus. Im medizinisch-technischen Bereich engagiert sich die Gesellschaft bereits über ihr Karlsberg Institute of Bioscience an den Unternehmen Campus Medizin & Technik GmbH und nanomedX GmbH. Unter anderem werden dort aber nicht nur medizinisch-technische Produkte hergestellt und entwickelt, sondern neue Verfahren erforscht, die auch der Getränkeindustrie zu Gute kommen könnte. So berichtete der Karlsberg-Chef von Versuchen, Flaschen ohne Wassereinsatz zu reinigen. Um eines muss der Karlsberg-Verbund nach eigener Aussage allerdings noch viel buhlen: die australische Biermarke Foster’s. Diese, als Objekt heiß begehrt, befindet sich noch im Vertrieb der Holsten-Gruppe und bereitet auch anderen deutschen Braukonzernen und Brauereien schlaflose Nächte.