Dem Korkton auf der Spur

Text und Fotos: Wilfried Moselt

Bis über die Astansätze hinaus kahl geschälte Stämme mit immergrünen Kronen ragen in den blauen Himmel Portugals. Die Menschen haben die Bäume ihrer Rinde „beraubt“. Nach neun Jahren werden sie mit ihren Äxten wiederkommen und ihre unermüdlich Korkholz produzierenden Eichen erneut „beerben“, um den Kork zu noblen Flaschen- verschlüssen zu verarbeiten – zwei Dutzend Mal und mehr in einem langen Korkeichenleben. Unser Bericht in zwei Folgen schildert die Lebensgeschichte“ des Korks und geht im zweiten Teil dann auch auf den neuesten Stand der Technik mit den jüngsten Ergebnissen der Kork-Forschung ein.

Wir wollen versuchen, dem Korkton auf die Spur zu kommen – Erster Teil

Der Naturkorken ist trotz aller Klagen von Winzern und Verbrauchern über gelegentliche Korkfehler, die dem Weinfreund die Lust am Wein gründlich verderben können, nach wie vor ein unverzichtbarer Begleiter großer und weniger großer Weine. Plastikstöpsel, Kronkorken und Schraubverschlüsse mögen für kurzlebige, alsbald zu konsumierende Weine eine Alternative darstellen. Für Weine mit gewissen Ansprüchen sind solche „Stopfen“ beim Verbraucher nur schwer durchzusetzen – und das muss nicht allein an eingefahrenen Vorstellungen liegen, die das (selbstredend nur ganz leise) „Plopp“ beim vorsichtigen Öffnen der Weinflasche in eine gedankliche Verbindung zur Güte des Flascheninhalts bringen. Es mag auch damit zu tun haben, dass der „atmende“ Kork der Entwicklung erstklassiger Weine förderlich ist, was selbst von hartnäckigen Befürwortern luftdichter Flaschenverschlüsse nicht bestritten wird.

Ab und an von einem Korkton unangenehm überrascht zu werden, ist für den „Kork-Anhänger“ notgedrungen vorprogrammiert. Denn Korkfehler sind auch bei sorgfältigster Pflege und Verarbeitung des verantwortungsvoll handelnden Korkerzeugers bis heute nicht gänzlich auszuschließen. Eine Ausfallquote von etwa zwei Prozent wird von Experten noch als optimal eingestuft.Das wichtigste Land für die Korkgewinnung ist Portugal mit einer Jahresproduktion von mehr als 100.000 Tonnen Kork, was über 50 Prozent der weltweiten Gesamtproduktion entspricht. Dazu importiert Portugal etwa 30 Prozent der globalen Rohkork- produktion – vor allem aus Nordafrika und Spanien – und kontrolliert damit rund 80 Prozent des internationalen Korkmarktes.

Die Zentren der Korkerzeugung liegen in den Distrikten Aveiro im Norden und Setúbal, Evora und Faro im Süden des Landes. Etwa 90 Prozent der Produktion werden in die Staaten der EU und in die USA exportiert. Leider gibt es in den Korkerzeugerländern – dazu gehören neben Portugal vor allem Spanien (mit 30 Prozent der Weltproduktion), Italien, Algerien, Tunesien und Marokko – insbesondere bei erhöhter Nachfrage nach Korken eine Reihe von Produzenten, die die angemessene Abfolge der Produktions- prozesse einschließlich richtiger und ausreichender Lagerung des Korkholzes nicht einhalten, was in vielen Fällen zu Problemen mit dem Kork führen kann. Ein so kompliziertes Naturprodukt wie der Kork mit seiner extrem langen Wachstumsperiode von neun Jahren erschwert Korrekturmaßnahmen enorm.

Die Verbraucher sind in unseren Tagen viel kritischer und die Weine viel sensibler geworden. Darüber hinaus ist die Technologie in der Weinerzeugung mittlerweile so hoch entwickelt, dass selbst kleine Fehler, die früher nicht bemerkt wurden, heute nicht verborgen werden könnten. Noch vor zehn Jahren gab es in Portugal über 1.500 Korkproduzenten, heute sind es weniger als 800. Es ist davon auszugehen, dass bald kaum mehr als zehn Firmen 90 Prozent der Korkproduktion kontrollieren werden. Das sind die Firmen, die über die technischen Möglichkeiten und Laboratorien verfügen, die Qualität des Korks von der Korkeiche bis zur Kellerei direkt, beziehungsweise über den Importeur wirksam zu prüfen und zu beeinflussen. Ein Menschenalter mag da in aller Regel kaum ausreichen, die Ernte aus der Saat einzufahren, die man Mutter Erde übergeben hat.

Eine Korkeiche erbringt nach 35 bis 40 Jahren zum ersten Mal Kork, und zwar die Jungfernrinde, die allerdings noch nicht für die Verarbeitung zu Korken geeignet ist. Aus ihr wird Granulat hergestellt, oder sie wird für Dekorationszwecke verwendet. Neun Jahre später folgt die nächste Ernte. Die Rinde ist bis dahin soweit nachgewachsen, dass die Eiche erneut geschält werden kann. Aber auch diese zweite Korkernte ist noch nicht gut genug für die Verarbeitung zu Flaschenkorken aus einem Stück. Erst die dritte Ernte nach weiteren neun Jahren ergibt die Korkrinde, die für die Verarbeitung zu hochwertigen Flaschenkorken tauglich ist.

Im Durchschnitt liefert eine Korkeiche – botanisch Quercus suber, eine Eichenart, die im Mittelmeerraum verbreitet ist – im Neun-Jahres-Rhythmus über einen Zeitraum von etwa 250 Jahren das Rohmaterial für die Korkerzeugung. Ausnahmen bestätigen indes auch hier die Regel, wie der berühmte „Methusalem“ unter den Korkeichen Portugals belegt, der nach über tausend Jahren noch immer lebt und bis ins hohe Alter wertvolle Rinde hervorgebracht hat. Er darf inzwischen ungeschält sein Leben fristen. Man stellt sich unwillkürlich die Frage, ob es denn den Bäumen nichts ausmacht, dass sie alle neun Jahre geschält werden. Zweifellos ist der Akt des Schälens etwas, was nicht natürlich ist für den Baum. Der könnte wohl sehr gut mit seiner ersten Schale existieren. Langfristig angelegte Untersuchungen haben indes gezeigt, dass ein Baum, der regelmäßig geschält wird, genauso lange lebt wie ein Baum, der nicht geschält wird. Er kann problemlos ein Alter von 250 Jahren und mehr erreichen.

Die Rinde kann nur dann vom Baum abgezogen werden, wenn der Umfang des berindeten Holzes mindestens 45 cm beträgt. Sonst nimmt die Korkeiche Schaden. Außerdem ist es in den Astbereichen ohnehin problematischer, brauchbare Korkrinde zu ernten. So tragen die Kronen der Korkeichen denn auch dort, wo die dünneren Astbereiche beginnen, ein Baumleben lang die erste Rinde.

Bei der Lagerung der Rinde ist darauf zu achten, dass möglichst kein Kontakt zum Boden entsteht, weil die Gefahr besteht, dass Feuchtigkeit gezogen wird, die die Qualität der Rinde beeinflusst und zu Mufftönen im Kork führen kann. Eine Auswirkung auch auf den Wein ist wahrscheinlich…

Die vollständige Redaktion finden Sie in unserer Printausgabe 7/8 2001