Die Extremadura – Spaniens letzte Einsamkeit

Wo Weine für Neugierige wachsen

von Wilfried Moselt

Lassen Sie uns das Rad der Geschichte über zwanzig Jahre zurückdrehen. Es geschah in Pamplona, der Hauptstadt der nordspanischen Region Navarra. Wir waren als Studenten zum ersten Mal in Spanien und erfuhren eine wundervolle Zeit der Unbekümmertheit, die das Leben für die Jugend reserviert hat.

Über der Stadt lag eine uns unerklärliche Unruhe. Tribünenartige Holzgerüste säumten die Gassen, aufgeregte Menschen drängten durch die engen Schluchten zwischen den Häusern hinter den mittelalterlichen Festungsmauern. Es war die Zeit der “Fiesta de San Fermín”.

Diese beispiellose Fiesta, die wir bis dahin nur vom Hörensagen gekannt hatten, brach über uns herein wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ein Aufschrei aus tausend Kehlen zerriss die Luft und pflanzte sich gellend fort, und um die Ecke am unteren Ende der Straße bog plötzlich eine Gruppe von vier, fünf Stieren mit mächtigem Gehörn. Sie schossen vorwärts, weniger aus Angriffslust denn aus Verschrecktheit angesichts der wimmelnden Massen, die den Lauf mit ihren Anfeuerungsrufen begleiteten.

Die “Fiesta de San Fermín” ist auch die Zeit der jungen Helden, die sich den Stieren auf dem Weg zur Arena entgegenstellen und erst im letzten Augenblick zur Seite springen. Und wenn es nicht ganz langt, gerät der eine oder andere schon mal unter die Hufe oder auf die Hörner. Das geht im allgemeinen glimpflich ab, mit ein paar Blutergüssen und blauen Flecken, und es dauert selten länger als einige Augenblicke, bis die Burschen wieder auf den Beinen sind. Wir zoge es vor, Schutz hinter den Balustraden zu suchen und dann nach der Hatz auf der Plaza del Castillo die fröhliche Ausgelassenheit mit den Einheimischen zu teilen.

Wir waren Fremde und gehörten doch dazu, als sei das unter Spaniens Sonne die natürlichste Sache der Welt. Spanien nahm uns auf, einfach und herzlich. Mit Wein gefüllte Ziegenbälge machten die Runde, die man über das Gesicht hält und solange kippt, bis sich ein dünner Strahl daraus ergießt, mit dem man in den geöffneten Mund zielt. Auf diese Weise können viele aus einem Balg trinken, ohne dass es eines Glases bedarf, und hygienisch einwandfrei ist es obendrein. Dass dabei mancher Tropfen danebenging, war vorprogrammiert. Aber es regte sich niemand auf, nicht über die Weinflecken auf der Kleidung und nicht über die verschütteten Tropfen.

Lang, lang ist’s her, und doch scheint es so, als sei es erst gestern gewesen. An unserer Lust auf Spanien hat sich indessen bis heute nichts geändert, an unserer Lust auf Spaniens Schönheit, auf seine faszinierende Kultur, auf reichlich Sonne und noch mehr Wein, auf eine schier unendliche Vielfalt an regionaler Kochkunst, auf Rhythmus im Blut und Musik und Tanz, auf Gitarrenklänge und fröhliche Menschen mit einem stets offenen Ohr für den fremden Gast.

Spanien ist für uns zu einem offenen Buch geworden, von dem wir jede Seite aufmerksam gelesen haben. Fast jede Seite. Denn die Extremadura fehlte uns noch im Programm. Es war höchste Zeit, die letzte Einsamkeit Spaniens ins Herz zu schließen, das abgeschiedene Land, wo die besten Schinken der Welt zu Hause sind – und Weine, die in ihrem Preis-Leistungs-Verhältnis nicht zu schlagen sind.

Wein wächst im ganzen Land …

1972 begann man in Spanien nach französischem Vorbild, genau umgrenzte geschützte Herkunftsgebiete, sogenannte D.O.-Gebiete (D.O. = Denominación de Origen) zu schaffen, von denen es mittlerweile 35 gibt. Das bis heute einzige D.O.Ca.-Gebiet Spaniens (D.O.Ca. = Denominación de Origen Calificada) ist Rioja. Als nächster Anwärter auf eine D.O.Ca.-Einstufung gilt Jerez.

Die nachfolgende Auflistung richtet sich an der Nord-Süd-Achse aus und stellt nur eine grobe Übersicht dar, die nicht alle Anbaugebiete berücksichtigen konnte, zum Beispiel Galicien im Nordwesten Spaniens, das allein schon wegen seiner herrlich fruchtigen Weißweine einen eigenen Beitrag wert wäre.

Navarra

In der autonomen Region Navarra zwischen Pyrenäen und Ebrotal, die mit ihren Wäldern, Flüssen und Seen im Norden und ihren von Rebfeldern bedeckten Hügeln zum Ebro hin zu den reizvollsten Landstrichen Spaniens zählt, wachsen die Weine vorwiegend auf braungrauen, zum Teil kalkhaltigen Böden.
Je weiter südwärts man kommt, desto sandiger werden die Untergründe, und das Land wirkt stellenweise regelrecht ausgedörrt.

Die unterschiedlichen Klimazonen mit atlantischen, kontinentalen und mediterranen Einflüssen und die außerordentliche Bodenvielfalt bilden die Grundlage für den Nuancenreichtum der Navarra-Weine…

Die vollständige Redaktion finden Sie in unserer Printausgabe 5/6/2001