Liebe Leser, in dieser Kolumne kommen Sie zu Wort. Schreiben Sie Viktor, er wird auch niemanden verraten. Großes Ehrenwuff!

Viktor

Mit dem Schwanz wedeln!

Mein Leben ist strukturiert. Nach dem Auskämpfen der persönlichen Position in unserem kleinen heimischen Rudel und der mir daraus zugeordneten Rolle geht es mir sehr gut. Der Ablauf meines Lebens ergibt sich aus den Highlights oder besser gesagt, aus den Eckwerten des Tages. Diese Highlights, die lieb gewonnen wurden und immer wiederkehrend sind, stellen die wichtigste soziale Komfortzone für mich dar.

Mein Tagesablauf strukturiert sich aus drei großen Punkten:
1. Gassi gehen am Morgen,
2. Essen am Mittag,
3. Gassi gehen am Abend.

Regelmäßige Versorgung mit Getränken, sprich, frischem Nass, ist selbstverständlich und wird als gegeben hingenommen. Bier gibt es nur ab und zu, davon bekomme ich ein schönes glänzendes Fell. Meine Tage, mein Leben, kurz alles, ist klar gegliedert und geordnet. Es geht mit gut. Ein wahrhaftes Hundeleben.

Manchmal, ich gebe es ja nur ungern zu, habe ich bei allem persönlichen Komfort einen Alptraum. Dieser immer wiederkehrende Alptraum heißt „Mensch sein für 24 Stunden”. Ein Horrortrip sondergleichen. Na klar, kann ich dann essen, wie ich das möchte, schließlich kann ich die Kühlschranktür selbständig öffnen. Aber ich muss auch arbeiten, im Büro, im Markt, auf Tagungen, Weiterentwicklungen an Projekten, Marktanteilsverschiebung undsoweiterundsofort. All das macht mir zu schaffen.

Arbeiten bedeutet aber auch Kommunikation zwischen Menschen – und die ist nicht so einfach, wie zwischen Hunden. Beschnuppern und Schwanzwedeln reichen da nicht mehr aus. Zwischen den Zeilen lesen muss man können, lächeln und doch böse sein. Das will gelernt sein. Vieles erzählen, ohne etwas zu sagen. Das ist zwar nicht ehrlich, aber meistens sehr Erfolg versprechend.
Menschen beschnuppern sich nicht, können sich aber trotzdem nicht riechen. Komisch, findet Ihr das ehrlich?

Menschen begegnen sich und grüßen sich nicht. Nicht grüßen heißt, die anderen nicht wahrnehmen. Findet Ihr das ehrlich? Bei Hunden würde das nie passieren, Hunde nehmen wahr und grüßen sich. Hunde wedeln mit dem Schwanz. Menschen können nicht zuhören, Menschen wollen immer selbst sprechen. Hunde sind da höflicher, Hunde können immer zuhören, stundenlang.
Oder ist es Euch noch nie passiert, dass Ihr Eurem Gegenüber etwas mitteilen wolltet und dieser kein Interesse an Eurer Geschichte hatte? Da bleibe ich doch lieber Hund und kann die Kühlschranktür nicht öffnen. Frauchen dankt es mir täglich.

In dem Sinn, etwas mehr Höflichkeit und Ehrlichkeit im neuen Jahr wünscht Euch

Bis zum nächsten Mal

Euer Viktor