Nachgefragt: Michael Hollmann, neuer Chef in Dortmund

von Monika Busch

Vor rund einem halben Jahrhundert tummelten sich in der einstigen Bierstadt Dortmund noch stolze acht Brauereien. Dortmunder Bier war weltberühmt und traditionsverhaftet. Bier wurde fast rund um die Uhr getrunken, die Kneipen öffneten bereits am frühen Morgen. Als vor zehn Jahren von Branchenbeobachtern prognostiziert wurde, dass absehbar sei, wann es nur noch eine beziehungsweise zwei Brauereien geben würde, wurde dieses belächelt. Fakt ist, dass 1996 die Kronen-Brauerei von DAB samt Thier und Stifts einverleibt wurde. Ende Januar 2000 „verabschiedeten” sich mit Wolfgang Burgard und Dr. Kurt Stoffel gleich zwei Vorstände. Mit dem Ausscheiden von Burgard geht sicherlich eine „Ära” in Dortmund bei der DAB zu Ende. Die Muttergesellschaft, die Frankfurter Binding-Brauerei mit Ulrich Kallmeyer an der Spitze will nun mit dem größten Tochterunternehmen einen anderen Kurs einschlagen. Die Brauerei soll wieder profitabel werden.

Kallmeyers erster Schritt ist die Ankündigung auf den Verzicht von unrentablen Lohnbrauverträgen und Straffung des Marken-Portfolios. Gleichzeitig wird von der Muttergesellschaft „zur Sicherung der unternehmerischen Selbständigkeit” ein Kredit in Höhe von 50 Millionen Mark zur Verfügung gestellt.

Bei dem Nachbarn Brau und Brunnen ist nun der seit Dezember letzten Jahres verwaiste Stuhl des Vorstandsvorsitzenden des sich im „Tal der Tränen” befindenden Getränkekonzerns seit dem 1. Februar wieder besetzt. Der Aufsichtsrat hat den 42-jährigen Michael Hollmann „ausgeguckt” und dieser hat zugestimmt. Als ehemaliger Geschäftsführer Marketing/Vertrieb der Hannen-Brauerei, der deutschen Tochter des international tätigen Carlsberg-Konzern und durch Tätigkeiten bei der Bavaria St.Pauli-Brauerei, bringt Hollmann im Gegensatz zu seinen Vorgängern Ebeling und Verstynen Branchenkenntnis mit.
Die Berufung kam für Branchenkenner überraschend und wird letztlich als Signal gedeutet, dass der Konzern nicht zerschlagen werden soll. Auch hier, wie bei dem Nachbar, ist die Zielsetzung, wieder ein profitables Unternehmen zu strukturieren. Nachgefragt bei Michael Hollmann, neuer Vorstandsvorsitzender Brau und Brunnen.

dgw: Aufgrund Ihrer Erfahrungen im nationalen und internationalen Biergeschäft wird in der Branche zunächst davon ausgegangen, dass B+B eher saniert als zerschlagen werden soll.

Hollmann: Ich bin angetreten, um zu sanieren. Das Unternehmen soll nicht zerschlagen werden, sondern wieder eine profitable Struktur erhalten.

dgw: Sie treten ein schweres Erbe an: derzeit die schwierigste Aufgabe in der deutschen Brauereilandschaft. Für eine Sanierung werden sicherlich aus betriebswirtschaftlicher Sicht Maßnahmen erforderlich sein, die den Betriebsrat auf den Plan rufen, beispielsweise Schließungen und Stellenabbau, Verkäufe. Haben Sie sich in der kurzen Zeit schon einen Überblick verschaffen können?

Hollmann: Mit Verlaub, ich bin jetzt gerade mal vier Tage im Amt. Aber sagen wir es mal so, ich habe schon vieles gesehen, was durchaus nicht so lustig ist. Habe aber auch vieles gesehen, wo sehr viel Potenzial vorhanden ist. Und hier ist der Punkt, wo wir ansetzen müssen. Ich denke, wenn wir mit der richtigen Strategie und der richtigen gemeinsamen Führung an die Sache herangehen werden, haben wir auch eine Chance. Und dieses soll nicht nur als dahingesagt aufgefasst werden, denn es ist wirklich so.

Eines der Probleme ist natürlich auch, dass die Mitarbeiter Frust haben. Und dieses ist auch nicht zu verdenken, denkt man an die vielen Unsicherheiten die aufgetreten sind: gestern sind wir verkauft, dann werden wir verschmolzen und übermorgen weiß niemand, wie es überhaupt weitergeht. Deshalb wird eine meiner Aufgaben sein, ohne etwas zu versprechen, die Mitarbeiter wieder zu motivieren.

dgw: Welches ist denn nach Ihrer Ansicht die richtige Strategie?

Hollmann: Es sind von meinem Vorgänger bereits Sparmaßnahmen eingeleitet worden, die auch einen Personalabbau beinhalten. Diese werden wir auch durchführen und ich hoffe dieses reicht aus. Denn eines werden wir in jedem Fall versuchen, weiterer Personalabbau erst zum Schluss. Wenn möglich, wollen wir durch andere Maßnahmen profitabel werden.

dgw: Der Verkauf von Immobilien würde zwar zum Schuldenabbau beitragen, nicht aber zur Problemlösung. Deshalb ist es zwingend erforderlich einen Abbau zu betreiben. Nicht nur der bereits eingeleitete Personalabbau, sondern auch was die diversen Marken betrifft.

Hollmann: Eine Markenbereinigung, also die Konzentration auf die richtigen Marken ist zwingend erforderlich. Hierüber muss noch entschieden werden. Aber eines ist doch ganz klar. Jeder der die Marken sieht, wird ohne Umschweife feststellen, dass Apollinaris eine Marke ist, die richtig Power hat und dass Jever letztendlich die einzige nationale Biermarke ist, die wir besitzen.

dgw: Die Problematik bei Jever in den letzten Jahren liegt in der fehlenden Markenunterstützung, also in der notwendigen Markenpflege. Die Marke mit einem tollem Potenzial, ist in Gefahr, abzusaufen. Wollen Sie dieses ändern?

Hollmann: Ich möchte sehr gerne Marken wie Jever und Apollinaris mehr unterstützen. Ebenso auch regionale Marken, wo sich Potenzial abzeichnet. Jedoch müssen wir erst einmal in der Holding unsere Hausaufgaben machen. Nur dann können dementsprechende Mittel zur Verfügung gestellt werden. Eines werden wir aber mit Sicherheit tun, wir werden uns konzentrieren. Kein Kleckerkram, sondern wir werden die Mittel dort konzentriert einsetzen, wo es sinnvoll ist.

dgw: Sie sind angetreten, um aus dem nach wie vor noch vorhandenen Sammelsurium von Marken die Rosinen herauszupicken und diese wieder profitabel zusammenzuführen.

Hollmann: Das ist richtig, bedeutet aber auch, dass zwangsläufig Einschnitte stattfinden müssen. Denn es macht keinen Sinn, dass alles den Bach herunter geht und Marken wie Apollinaris oder Jever verramscht werden müssten.

dgw: Der Verkauf von Immobilien würde wie bereits erwähnt, zum Schuldenabbau beitragen, jedoch nicht zur Problemlösung.

Hollmann: Das ist richtig, deshalb sind in diversen Bereichen Einschnitte erforderlich, damit der Rest wieder gesunden und profitabel agieren kann.

dgw: Das sich weiterhin hartnäckig haltende Gerücht, Sie seien in der „Mission Carlsberg” angetreten, haben Sie bereits mehrfach dementiert.

Hollmann: Es ist eindeutig nicht so. Zwischen meinen Amtsantritt bei Brau und Brunnen und dem Carlsberg-Konzern besteht absolut kein Zusammenhang.

dgw: Warum hält sich dann dieses Gerücht so hartnäckig?

Hollmann: Carlsberg war und ist schon immer am deutschen Markt interessiert gewesen. Und es gibt viele die damals ahnten, dass wir mit Schlösser verhandelt haben. Mein erster Kontakt mit Brau und Brunnen kam bei den damaligen Verhandlungen über den eventuellen Verkauf von Schlösser zustande. Ich will künftig nicht ausschließen, dass Carlsberg, Schlösser noch kauft. Und was dann passiert, weiß ich auch nicht. Ich denke, wir warten erst einmal die nächsten Monate ab, wie die großen internationalen Braukonzerne agieren werden. Die Problemstellung für uns: Die Bereinigung der unattraktiven Teile, damit die
attraktiven übrig bleiben. Nur so ist Brau und Brunnen eine Perle.

Stellen wir uns vor: wir haben nicht mehr so hohe Schulden und unattraktive Teile sind abgegeben, teilweise auch mit Profit. Die Marken müssen momentan weit über ihre Kapazitäten bluten.

dgw: Werden Sie die Strukturen, was die Töchter anbelangt, die ihr Vorgänger hinterlassen hat, belassen? Die von ihm definierte „Stand alone”-Strategie.

Hollmann: Ich denke, dass es wichtig ist, dass jede Brauerei vor Ort agieren muss, vor allem was die Gastronomie betrifft. Jedoch wichtig ist auch, dass von der Holding der Keyaccounthandel für alle Marken mit organisiert und koordiniert wird. Bei der Gastronomie muss beispielsweise darauf geachtet werden, dass Apollinaris immer mit eingebunden wird. Das sind die Punkte die übergreifend erfolgen können, ansonsten sollen die Verantwortlichen vor Ort „ihre” Geschäfte machen. Sie sind verantwortlich für ihre Produkte, für die Preisgestaltung und Mediaaktivitäten. Wobei die Holding schon koordinierend dabei sein will.

dgw: Gleich zu Beginn Ihres Amtsantrittes wurden Sie mit einer wichtigen Personalentscheidung konfrontiert. Lambert Leisewitz, Geschäftsführer von Apollinaris & Schweppes, tritt am 1. Oktober beim Mitbewerber Mineralbrunnen AG an. Sind Sie diesbezüglich schon tätig gewesen?

Hollmann: Ja, aber ich bitte um Verständnis, dass ich zur Zeit noch keine Einzelheiten bekannt geben kann.

dgw: Herr Hollmann, wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.