Liebe Leser, in dieser Kolumne kommen Sie zu Wort. Schreiben Sie Viktor, er wird auch niemanden verraten. Großes Ehrenwuff!

Viktor

Wein, Sein und Schein

Mein Herrchen ist ein Weltenbummler und Gourmet vor dem Herrn! Ich kann das beurteilen, denn das, was ich als „Fresschen“ – wie er immer sagt – bekomme, ist wirklich vom Allerfeinsten: Hummer, Rinderfilet, Gänsestopfleber und Tauben – immer fällt etwas für mich ab, und als einfacher Hund läuft mir da nicht nur das Wasser in der Schnauze zusammen, ich kann mich auch richtig darüber freuen, zumal Herrchen’s neuer Tick, mir auch einen kleinen Schluck seines dazu passenden Weines zuüberlassen, mir ganz neue Welten eröffnet. Und an den begleitenden Spruch „Du sollst auch nicht leben wie ein Hund“ habe ich mich mittlerweile auch ganz gut gewöhnt, obwohl ich ihn nicht verstandenhabe. Leider kann Herrchen mich nie mitnehmen auf seinen Auslandsreisen, weil „Das mit der Fliegerei so umständlich ist“ sagt er. Und so müsse ich denn davon zehren, was er meinem Frauchen dann vom Essen, aber vor allen Dingen von den Menschen und vom Weintrinken in der ganzen Welt erzählt – und da sträuben sich mir als deutschem Hund doch wirklich die Hundehaare über meine eigeneSippe.
Nun habe ich als Weineinsteigerhund gerade die wunderbare Vielfalt der deutschen Weine, insbesondere des Rieslings kennen und lieben gelernt – (und ich sage Ihnen, lieber Leser, dieser Saft passt wirklich hervorragend zu allem, was Herrchen mir als Fresschen kredenzt), da musste ich doch feststellen, dass viele meiner deutschen Hundekollegen damit gar nichts anfangen können. Obwohl kein Weinetikett der Welt so detaillierte Auskunft über seinen Wein verrät, drehen die nur den Kopf und sagen „ich trinke nur Chabliiiiis, Bohscholeeee (Beaujolais), Prosecco und Pinot Grigio.“ Ich habe mittlerweile das Gefühl, die wissen gar nicht, dass das nur Namen von riesigen Weinbaugebieten oder einfachen Traubensorten sind, die trinken das nur, weil jeder deutsche Hund es aussprechen kann und es sich französisch oder italienisch anhört – und das scheint anscheinend bei meinen Hundekollegen absolut „schick“ zu sein. Mein Herrchen sagt, im Ausland sei das ganz anders.

In Amerika, Großbritannien, Asien und Skandinavien wisse man in den entsprechenden Kreisen viel mehr über deutschen Wein und seine Qualität als wir Deutschen selbst (das sei ihm dann immer sehr peinlich, sagt er). Ein guter Riesling wird dort gleichermaßen geschätzt wie ein guter Bordeaux, Italiener oder ein Cabernet aus Kalifornien, Australien oder Südafrika. 70 Prozent aller Leser des größten amerikanischen Weinmagazin gaben bei einer Umfrage des „Wine Spectator“ German-Riesling als ihren Lieblingswein an. Asiatische Konzerne schicken ihre Sommeliers, so heißen die Herrchen und Frauchen, die sich besonders gut mit Wein auskennen müssen, ein Jahr nach Bordeaux oder Burgund, um alles über Rotwein zu lernen und ein Jahr nach Deutschland um alles über Weißwein zu lernen und dann sind die fit. „Die Asiaten waren schon immer besonders clever“, sagt mein Herrchen.

Was den Weißwein angeht, so ist für die sensitiven Japaner der Riesling das „non plus ultra“. Mein Herrchen sagt, denen könne man nicht einfach irgendwas vorsetzen, die Ansprüche an Qualität seien dort sehr hoch. Wir Deutschen trinken dagegen LKW-weise billigen Pinot Grigio, dünnsten Prosecco und verdrehen dabei verzückt die Augen, ob der an den Tag gelegten Lebensart.

Verstehen Sie das? Wir deutschen Hunde sind doch sonst nicht so anspruchslos. Mittlerweile glaube ich, dass das Gros die Weinqualität gar nicht interessiert, sondern ausschließlich der Schein, der vermeintliche. Gerade letzte Woche erklärte mir eine durchgestylte Labrador-Hündin völlig euphorisch, sie trinke nur „Blang de Blang“ (Blanc de Blancs), alles andere sei nichts für ihre kostbare Hundekehle. Na ja, dachte ich, die hat ja einen tollen Geschmack, denn Blanc de Blancs bedeutet lediglich, dass dieser Weißwein aus weißen Trauben hergestellt wurde, oder war es vielleicht doch wieder nur das einzige französische Wort, was sie aussprechen konnte oder dachte es zu können.

Nach ihrem Augenaufschlag jedenfalls zu beurteilen, hat sie sich gefallen. Wein ist etwas wunderbares in seiner nationalen und internationalen Vielfalt, Wein ist auch Lebensart und Lebensgefühl und Gott sei Dank gibt es aber noch Zeitgenossen, die nicht der Oberflächlichkeit und dem Schein frönen, sondern sich von ihren Sinnen leiten lassen und voller Lust ihr Geld wahrhaftig in Qualität investieren, wie mein Herrchen – morgen gibt’s wieder Hummer mit Riesling! (Schwanz wedel !!!)
Bis zum nächsten Mal

Euer Viktor