Faszinosum Rum

Das Getränk der Seeleute ist schon lange gesellschaftsfähig

von Martin Joest

Seit Jahrhunderten ohne anerkannte gesellschaftliche Rolle, ist der Rum immer da gewesen, ein unverzichtbarer Teil der westlichen Kultur. Eher bekannt durch seine Verwendung als Hilfsmittel, statt als Getränk, zum Beispiel in Rumtopf, Grog oder im Dessert. Der alkoholhaltige Konservierungsstoff mit starkem Geschmack und eingepflegter Exotik eben.

Auch die Herkunft scheint den meisten Menschen vertraut, aus der Karibik halt und aus Zuckerrohr gemacht. Ein, zwei Mixgetränke sind genauso schnell parat wie Seemannsgarn. Genauer sollte der Quizmaster den “Wer wird Millionär?”-Kandidaten nicht fragen, sonst ist bei 1000 Euro Schluss. Die guten Geschichten sind immer lang und diese fängt etwa 330 vor unserer Zeitrechnung mit Alexander dem Großen an. Der brachte aus Indien die Zuckerrohrpflanze in den Mittelmeerraum mit. Hier wurde die Pflanze 1800 Jahre lang unter Schwierigkeiten kultiviert, denn sie bevorzugt eher tropische als subtropische Klimabedingungen. Bevor nun 1493 Christoph Kolumbus die ersten Setzlinge mit nach Westindien nahm, hatte man auch schon die alkoholische Destillation erfunden. Möglicherweise ist auch schon im Mittelalter aus Melasse, einem Nebenprodukt der Zuckergewinnung, Rum gebrannt worden. Aber da andere fermentierte zuckerhaltige Ausgangsprodukte für die Destillation, wie Wein und Met, in ausreichender Menge vorhanden waren, bestand kein Handlungsbedarf für neue Ausgangsprodukte. Anders in der neuen Welt, die sich ja erst von den Tropen her besiedelt hat, da hier in den eigenen Kolonien die Produkte gediehen, die vormals teuer aus Asien importiert werden mussten. Billige Glück-lichmacher in Form von Wein und Bier wie in der alten Welt für die Landbevölkerung gab es nicht, für Gerste und Wein sind die Bedingungen in der Karibik doch zu heftig. Abhilfe wurde später vielen zugeschrieben, aufgrund der vielfältigen Techniken und Verfahren ist aber davon auszugehen, dass abhängig, ob jemand aus Frankreich, England, Holland oder Portugal kam, auch die Bräuche aus dem Heimatland auf dieses neue Produkt angewandt hat. Der Bedarf war da und die Zeit reif. Eine stürmische Entwicklung hatte der Rum zunächst aber nur im karibischen Raum.

Das sollte sich erst ändern, als die britische Royal Navy damit in Berührung kam. Der Staatsmann Oliver Cromwell befahl der Flotte die Vorherrschaft der Spanier auf den Westindischen Inseln zu brechen. Und so wurde mit der Eroberung Jamaikas 1655 der Grundstein zur Verbreitung über die ganze Welt gelegt. Nicht immer offensichtlich oder unmittelbar, aber stetig. So wurde die Verbreitung des Rums über die englischen Kolonien oft nur durch lokale Restriktionen gebremst.

So war in Australien (New South Wales) den Sträflingen der Rumgenuss untersagt. Aus jener Zeit stammt die Tradition der Royal Navy, von Admiral Pen eine Notlösung, dass die Seemänner eine tägliche Ration Rum erhalten, statt Bier. Die heilsame Wirkung bei tropischem Klima nicht an fauligem Wasser zu erkranken lag auch sicher am Maß der Dinge: ein Pint (0,568 Liter) Rum pro Tag. Ob es sich hierbei um einen Rum in Fassstärke handelte (ca. 80 Prozent Alkohol) ist nicht überliefert.

1731 wurde diese Maßnahme für die gesamte Flotte eingeführt – um nur neun Jahre später von Admiral Edward Vernon in der “Order to Captains #329” auf ein halbes Pint reduziert zu werden. Angeblich, weil die Vorräte auf langen Seereisen zu häufig knapp wurden. Was aber den zweiten Teil der Order fragwürdig erscheinen lässt, denn der Rum war ab sofort mit einem Quart Wasser zu verdünnen. Mit Lagermangel ist das aber nicht zu erklären. Bemerkenswert ist: schon 1740 war der Grog erfunden. Denn der Admiral erweiterte den Befehl um zwei weitere Punkte: dem Ganzen noch Zucker hinzuzufügen und selbstverständlich heißes Wasser zu verwenden. Der Fuchs hat sicher den Zusammenhang zwischen Temperatur und alkoholischer Verdunstung gekannt. Und damit nicht genug, war er auch gleich Namensgeber. Sein bevorzugter Auftritt war in einem Bootsmantel aus Kamelhaar, was ihm den Spitznamen “Old Grogram” eintrug. Diese – im doppelten Sinne – “stoffige” Tradition der Rum-Zuteilung für die britischen Navy-Angehörigen ging tatsächlich erst 1970 zu Ende.

Eine andere Tradition ist die der Freibeuter. Von der englischen Krone von 1655-1675 durch Freibriefe geschützt, haben sie eine Piraterie in der Karibik begründet, die anschließend nicht ohne Anstrengung wieder einzudämmen war. Einer dieser “Buccaneers” war Henry Morgan. Im Zenit seiner Macht Anführer von 36 Schiffen und 2000 Mann, eroberte er den Istmus von Panama gegen eine große Streitmacht von Spaniern. Dummerweise wurde er nach einer Friedensvereinbarung mit Spanien verhaftet und 1672 nach London verbracht.

Da die Beziehung zu Spanien aber schnell wieder abkühlte, wurde der Freibeuter zum Ritter geadelt und segelte in die Karibik zurück als “Lieutenant Gouvernour” von Jamaika. Hier machte er jetzt Jagd auf ehemalige Kollegen, die nach Auslaufen der Verträge keine Freibeuter, sondern Piraten waren. Ironie der Geschichte: viele Piraten konnten gefasst werden, weil ein vollkommen unregulierter Rumkonsum zu zeitweiligem Realitätsverlust führte. Captain Sir Henry Morgan schaffte es auf ein Flaschenlabel, das heute noch für Premium Rum steht. Es gibt noch mehr solche und andere Geschichten, aber so richtig war Rum, damals nur ein Nebenprodukt der Zuckerherstellung, kein Markenartikel. Das änderte sich erst Mitte des 19. Jahrhunderts als Don Facundo Bacardi, ein Katalane, nach Kuba kam. Der Weinhändler und Feinschmecker dürfte bei der Suche nach neuen Genüssen in der neuen Heimat von den zeitgenössischen Rums nicht begeistert gewesen sein, schließlich fand er die Basis aber wohl gegeben, um in eigenen Versuchen einen feineren und eleganteren Rum herzustellen. In der 1862 erworbenen Destillerie am Hafen von Santiago de Cuba gab es Fledermäuse, diese zieren bis heute das Label. Die Herstellung ist seit 140 Jahren gleich geblieben und Bacardi Rum ist weltweit die Nummer 1 unter den Spirituosenmarken. Immer wenn irgendwo auf der Welt von einem Cocktail mit Rum gesprochen wird, ist zumindest in der Denkblase Bacardi. Fast ist Bacardi das Synonym für Rum geworden.

Aber die Verbreitung von Rum ist eng mit der Verbreitung von Bars und Mix-Getränken verbunden. So sind auch die berühmtesten Legenden. Cuba Libre zum Gedenken an die Unabhängigkeit Kubas 1898, wurde nach dem 2. Weltkrieg der Inbegriff des amerikanischen Lebensgefühls, das die GI’s auf der Welt verbreiteten. Der Caipirinha, der ja mit Cachaca gemixt wird, als brasilianische Antwort auf die Frage “Wie soll Zuckerrohrbrand sein”, ist von einem Barmann in der Nähe von Sao Paulo während einer Grippewelle 1918 zur Linderung der Symptome durch Alkohol und Vitamine erfunden worden. Daiquiri hat keine Entstehungs-…..

Die vollständige Redaktion finden Sie in unserer Print-Ausgabe 9/2002