Single Malt – destillierte Landschaft

Neuer Trend auf der Interwhisky: Frauen entdecken dieses besondere Getränk mehr und mehr für sich

Text und Fotos: Martin Joest

Wie kann man die vielen Spirituosen nur unterscheiden? Eine Frage, die man sicherlich nicht zu sehr auf die Spitze treiben sollte, da sich klare Industriealkohole einer Klassifizierung entziehen. Es bleiben aber eine Vielzahl handwerklich hergestellter Lebenswässer, die durch eine Reifung unter mehr oder weniger Lufteinfluss eine eigenständige Note erreicht haben. Ziehen wir jetzt noch die unterschiedlichen Mischungen aus verschiedenen Jahrgängen und Regionen ab, bleiben sehr ausgeprägte Individualisten übrig. Die Individualität hat eine Ursache. Es ist die Herkunft. So macht es schon einen Unterschied, ob eine Spirituose in einem warmen Land mit einem milden Winter reift oder der Wind Sommer wie Winter die Fässer kühlt. Auch die Brandgrundlage ist ein Ausdruck der Region. Aber so banal das klingt, Wein wächst in Schottland genauso gut wie Gerste in Jerez, nämlich gar nicht. Welchen Stellenwert müsste man in Deutschland der Spezialität Single Malt zurechnen? Zuerst ein Blick in die Statistik: während sich seit Jahren der Spirituosenmarkt unter Druck befindet – fast zehn Prozent Rückgang in den letzten sechs Jahren – ist der Whiskyverbrauch, wenn auch stark schwankend, in der Tendenz steigend. Insbesondere, wenn dann die daraus resultierende Marktanteilsgröße am Spirituosenmarkt betrachtet wird. So betrug der Anteil am Spirituosenmarkt in 1994 4,8 Prozent und stieg in 2000 auf 6,4 Prozent.

Was aber hier eigentlich betrachtet werden soll, ist noch viel kleiner. Der Malt-Anteil betrug im Whiskysegment im Jahr 2000 nur 7,5 Prozent im LEH – was ebenfalls aus einer starken Steigerung in den letzten Jahren resultiert. Ausmultipliziert ergibt sich für Single Malt ein Marktanteil am Spirituosenmarkt von 0,48 Prozent. Sollte hier eine relevante Größe für den Markt entstehen, so sind ganz andere Steigerungsraten von Nöten.

Das ist aber nur die Zahlenwahrheit in Flaschen und Litern. Die Wertigkeit liegt selbstredend sehr viel höher. Und genau hier setzt der zweite Betrachtungsansatz an. Auf der 3. Interwhisky im Hotel Inter-Continental in Frankfurt vom 23. bis 25. November 2001 konnte die Bedeutung von Single Malt für die Enthusiasten in “freier Wildbahn” erlebt werden.

Die Liste der teilnehmenden Firmen liest sich wie ein Inhaltsverzeichnis der Whiskywelt. Als erstes fiel auf, wie gut gefüllt die Veranstaltung am Freitagnachmittag war. Bei einem Eintritt von 20 Mark für einen Feierabend mit dem Lebenswasser musste ein gesteigertes Interesse vorausgesetzt werden, da jede Probe extra kassiert wurde – was sich dann anhand der Schlange der Besucher vor der Ausstellung am Samstagmorgen zeigte. Warteschlangen gab es von Einlass (11 Uhr) an praktisch an jedem Stand, jeder Glasausgabe oder bei einem der zahlreichen Vorträge. Die Erlebniswelt “Schlange stehen” ging bis zur zeitweilig über einstündigen “Garderobenschlange”. Hier konnte man endlich Mal in Deutschland erleben, dass eine offensichtliche Fehlplanung mit Geduld und Humor aufgenommen wurde. Dieses war aber auch schon die einzige Schwachstelle einer mit Augenmaß und Konzentration auf das Wesentliche von Veranstalter Christian H. Rosenberg organisierten “Fachausstellung mit whiskykulturellen Rahmenprogramm”.

Ein derartiger Ansturm, der auf jeder anderen publikums-orientierten Fachausstellung zu einer Abnahme an Kompetenz bei einer Vielzahl der Besucher geführt hätte, zeugte hier vom exakten Gegenteil. So konnten immer wieder fachliche Gespräche auf höchstem Niveau an den Ständen beobachtet werden, die nicht nur von den Besuchern mit dem Standpersonal geführt wurden, sondern auch unter den Besuchern, die sich rein zufällig bei diesem oder jenem Glas Malt getroffen hatten. Das ist um so bemerkenswerter, als doch hinter den Theken oft die Verantwortlichen der Destillen selbst zu finden waren, zu erkennen oft nur am schottischen Akzent. Neulinge der Whiskypassion wurden behutsam von Kennern durch die Riesenauswahl geleitet, ohne die oft erlebte Arroganz der fünf Minuten Klügeren. Hier steht die Begeisterung nicht zwischen alten Hasen und Greenhorns sondern verbindet sie. Offensichtlich ist Beschäftigung mit Edeldestillaten in Deutschland auch eine Frage des Bildungsniveaus. So sind die Konsumenten und Käufer von Single Malts überdurchschnittlich mit höheren Schulabschlüssen ausgestattet und dem gehobenen Einkommensspektrum zuzuordnen. Ebenso kann seit einiger Zeit beobachtet werden, dass Frauen ihre Zurückhaltung gegenüber den “harten” Getränken auflockern. Wenn eine Frau aber auf Gebranntes kommt, so ist es von höchster Qualität. Ein Erklärungsversuch: Frauen können durch die geringere Körpermasse nicht soviel Alkohol verarbeiten und verplempern gar nicht erst soviel Zeit mit Fusel. Sie haben den einfachen Geschmack von Oskar Wilde “simply the best”.

So erstaunt es auch gar nicht, unter den kompetentesten Besuchern Frauen zu finden, die ihre Fachkenntnis immer wieder auf Verkostungen mit Siegerplätzen beweisen konnten. Bei einer Umfrage von Allied Domecq unter Barkeepern der Deutschen Barkeeper Union wiesen zwei Drittel davon auf den Trend der Frauen zum Whisky hin, insbesondere in dem gehobenen Segment der exklusiven Single Malts. Immerhin halten 85 Prozent der befragten Spirituosen-Profis Whisky für ein Trendgetränk. Insgesamt könne bei rück-läufigem Alkoholkonsum ein “Trend zur Genussfreude” ausgemacht werden. Diese Beobachtung wird auch von der Tatsache gestützt, dass die Barbesucher immer mehr über ihre Getränke wissen, so sind Namen und Herkunft der einzelnen Whiskysorten dem Genießer durchaus bekannt.

Einige Single Malts sind seit fast 200 Jahren am Markt und haben erst seit kurzem einen bekannteren Namen. So ist der Macallan Whisky aus der Region Speyside (die Brennerei wurde 1824 gegründet) unter den Bewohnern des nördlichen Schottlands und den Aufkäufern der Mischungen zum Scotch Whisky ein gefeierter Star gewesen, der die höchste Anerkennung genossen hatte. Dennoch wurde Macallan einer breiteren Öffentlichkeit erst in den 80er und 90er Jahren bekannt. So beschlossen die Direktoren von Macallan in den 60er Jahren, die Lagerbestände für den Single-Malt-Verkauf in Einzelflaschen zu erhöhen. Die Kapazität der Destillerie wurde von sechs auf zwölf Brennblasen verdoppelt. Diese Entscheidung führte dann 1978 zu einer Markteinführung bein einem größeren Publikum – selbstverständlich mit einem erhöhten Marketingauswand. Die Aufwendungen für das Jahr 1974 wurden noch mit 25 englischen Pfund beziffert, im Jahr 1990 steigerte sich diese Summe auf eine Million Pfund.

Seinen Ruf konnte sich Macallan bewahren und wird auch heute von Kennern, die mit Urteilen sehr zurückhaltend sind, als einer der besten drei Single Malts bezeichnet. Betrachtet man jetzt den Zeitraum, der notwendig ist, eine Unter-
nehmensstrategie eines Whisky-Produzenten umzusetzen, so wird klar, warum ein Whisky-Trend eine Evolution und kein Umsturz ist. Der 25-jährige Macallan, der auf der Interwhisky zu verkosten war, enthielt sicherlich einige Bestandteile aus den Jahren, in denen die Verantwortlichen die Möglichkeit für eine größere Öffnung am Markt sahen.

Wie kommt eigentlich Single Malt ins Glas?

Eigentlich ist jeder Scotch Whisky bei seiner Geburt
ein Single Malt. Erst durch Blenden der verschiedenen
Single Malts und einem verantwortungsvollen Anteil Grain Whisky entsteht…

Die vollständige Redaktion finden Sie in unserer Print-Ausgabe 1/2/2002