Karlsberg verabschiedet sich vom Handelsmarkengeschäft in Deutschland

Wachstum bei alkoholfreien Getränken / Übernahme von Niehoff’s-Vaihinger
von Timur Dosdogru

Der Unternehmensverbund Karlsberg, Homburg, sieht sich laut seinem Geschäftsführenden Gesellschafter Dr. Richard Weber im 125. Jahr seiner Unternehmensgeschichte „optimal für die Zukunft aufgestellt“. Der Verbund habe sich rechtzeitig auf die Herausforderungen des Marktes eingestellt, aber die anhaltende Wirtschaftsflaute und staatliche Eingriffe wie das Zwangspfand sowie die Verunsicherungen der Verbraucher machten das Leben schwer, so Weber weiter. Trotz der ungünstigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hätten sich die Geschäfts- und Umsatzentwicklungen der einzelnen Karlsberg-Segmente weiter positiv entwickelt, heißt es.

Zwar liege das Verbundergebnis unter dem des vorangegangen Geschäftsjahres – der Konzernumsatz betrug laut Geschäftsbericht rund 586,9 Millionen Euro gegenüber dem Vorjahr 2001/02 mit 588,8 Millionen Euro – aber diese Entwicklung sei bewusst in Kauf genommen worden, um Investitionen für die Zukunft leisten zu können – vor allem auch die Aufwendungen für die Mineralbrunnen Überkingen-Teinach AG (MinAG), bei der aber schon jetzt nachhaltige Restrukturierungserfolge erzielt worden seien. Der Konzernchef rechnet damit, dass die MinAG schon im kommenden Jahr wieder in die Gewinnzone zurückkehren wird.

Und auch sonst ist in der Bilanz abgelaufenen Geschäftsjahres des Karlsberg-Verbundes einiges anders. So wurde beispielsweise darauf hingewiesen, dass sich die Ergebniszahlen mit denen des Vorjahres nicht direkt vergleichen ließen. Der Berichtszeit-raum des deutschen Biersegmentes war danach diesmal ein neunmonatiges Rumpf-
geschäftsjahr, dafür zeigen die vergleichbaren Bierumsatzerlöse auf zwölfmonatiger Basis ein Plus von 3,4 Prozent, im alkoholfreien Bereich stiegen sie um satte 19,7 Prozent, im Dienstleistungssektor zusammen mit sonstigen sind die Umsatzerlöse um 13,3 Prozent gewachsen. Auf einer Basis von zwölf Monaten wuchsen damit laut Unternehmen die Gesamtumsätze des Konzerns um rund zehn Prozent und werden so mit 647,1 Millionen Euro beziffert.

Belastet wird das Verbundergebnis durch die Restrukturierungsmaßnahmen: rund elf Millionen Euro für die MinAG, 2,6 Millionen Euro für die im Beteiligungsportfolio befindlichen Getränkefachgroßhändler und 2,5 Millionen Euro für den französischen Fruchtsafthersteller Cidou. Als erfolgreich habe sich die seit Anfang des Jahres wirksame 45-prozentige Beteiligung von Heineken N.V. über die Brau Holding International AG (BHI) an der Karlsberg International Brand GmbH als Holding des deutschen Karlsberg-Biersegmentes erwiesen. Diese internationalen Vertriebskanäle will Karlsberg auch konsequent nutzen.

Karlsberg-Chef, Brauerpräsident und saarländischer IHK-Präsident Weber, der immer für markige Vergleiche steht („Sich gegen die Globalisierung aufzulehnen, verspricht ähnlichen Erfolg, wie die Schwerkraft zu ignorieren.“), sieht sein Heil auch in Zukunft mit internationalen Partnern – eine Strategie, die im polyglotten Hause Karlsberg schon seit vielen Jahren Unternehmensphilosophie ist. Hieß das Motto in früheren Zeiten „Wachsen durch Zellteilung“, hat sich der Verbund in diesem Jahr „Heute tun, was andere morgen denken“ auf die Fahne geschrieben. Freude bereiten Weber vor allem seine RTD-Getränke, wie der Biermix-Marktführer Karlsberg MiXery und Tequila flavoured Beer Desperados, die marktbedingte Rückgänge im traditionellen Biergeschäft kompensieren konnten.

Im inländischen Biergeschäft sei für das abgelaufene Geschäftsjahr für die Karlsberg Brauerei GmbH & Co. KG und für die Königsbacher Brauerei GmbH & Co. KG die Entwick-lung zufrieden stellend verlaufen. Zuwächse seien zudem auch im französischen Biergeschäft für die Brasserie de Saverne S.A. und die Karlsbräu France S.A. zu verzeichnen, heißt es. Schon lange habe man sich vom reinen Hektoliter-Denken verabschiedet und bewusst auf „Billig-Hektos“ im Handel verzichtet. Dies bestätigt so auch selbstbewusst Webers langjähriger Weggefährte und Karlsberg-Geschäftsführer Uli Grundmann: „Wir haben den Aldi-Ausstieg wunderbar verkraftet.“ Auch vom Geschäft mit Billigbier in PET-Flaschen als Lieferant von Handelsmarken wollen die Homburger lieber die Finger lassen, weil sich bei den marktüblichen Spannen nichts verdienen lässt und aufgrund der kostenbewussten Herstellung große Qualitätsprobleme auftreten. Denn: „Manchmal ist kein Geschäft das bessere Geschäft.“

Für die Fruchtsaftsparte, im Karlsberg-Verbund bestehend aus den Unternehmen Merziger Fruchtgetränke GmbH, Klindworth Fruchtsäfte GmbH, Erwin Dietz GmbH und der französischen Cidou S.A., hat sich die seit Januar 2003 geltende Verpackungsverordnung besonders positiv ausgewirkt, da nicht kohlensäurehaltige Fruchtsaftgetränke und Kartonverpackungen nicht der Pfandpflicht unterliegen. Wie die MinAG muss allerdings auch Cidou erst wieder in die Gewinnzone gebracht werden. Ein zufrieden stellendes Ergebnis wird hingegen dem Erfrischungsgetränkehersteller Okko Getränke GmbH bescheinigt.

Immer wichtiger ist für Karlsberg auch der Getränkefachgroßhandel geworden, neben der Südwest Getränke Plus GmbH, die das ehemalige Gastronomie-Direktgeschäft der Brauerei abwickelt, verfügt der Verbund außerdem über ein großes Netz an Getränkefachgroßhändlern. Zuwächse sind auch beim französischen Speditionsunternehmen Saverne Transports S.à.r.l. zu verzeichnen, die an strategischer Bedeutung im internationalen Logistik-Dienstleistungssegment gewonnen hat. Ein steigendes Geschäftsvolumen gibt es auch im Convenience-Sektor durch den Getränke- und Versorgungsautomatenservice der serviPlus GmbH, die inzwischen auch mit Tochtergesellschaften in Frankreich, Belgien und Luxemburg agiert. Stark zugelegt hat auch die Tiefkühlkost-Zentrale GmbH, die trotz des schwierigen Marktes für industriell hergestelltes Speiseeis weitere Marktanteile gewinnen konnte und ihr Portfolio an Convenienceprodukten und Tiefkühlkost weiter ausbauen will. Im Immobiliengeschäft verfügt der Karlsberg-Verbund über mehr als eine Million Quadratmeter Grundstücksfläche.

Karlsberg-Chef Weber ist stolz darauf, dass die aktuelle wirtschaftliche Lage und das Zwangspfand für Einwegverpackungen noch nicht zu Stellenabbau geführt hat, allerdings müsse man noch mit Kurzarbeit rechnen. Mittlerweile habe die geltende Regelung zu der absurden Situation geführt, dass Mehrwegflaschen weggeworfen würden, weil das Pfand zu niedrig sei. „Wer sich einmal mit den Grünen ins Bett gelegt hat, wird sich schwarz ärgern und zwischendurch hat er noch einen roten Kopf gekriegt“, grollt Weber mit der Bundesregierung. Aber auch seinen Brauerkollegen bescheinigt er meist mangelnden Mut zum Risiko und fehlende Innovationskraft, weil einfach zu viel kopiert werde: „Außer den Herstellern von Fotokopiermaschinen ist noch niemand allein mit kopieren erfolgreich geworden. Erfolgreich sind diejenigen gewesen, die eigene Wege gegangen sind.“ Es herrsche oft „geistige Windstille“.

Dass Karlsberg weiter wachsen will, zeigt auch die Übernahme des Fruchtsaftherstellers Niehoff’s-Vaihinger Anfang November. Im Rahmen eines Joint-Venture wurde ein gemeinsames Unternehmen namens Tucano Holding GmbH mit Sitz in Merzig gegründet. In das neue Unternehmen bringt Friedrich Niehoff 70 Prozent seiner Geschäftsanteile, die Karlsberg Holding 30 Prozent ihrer Anteile an der Niehoff’s-Vaihinger GmbH ein, außerdem ihre Merziger- und Klindworth-Anteile.

Die Erwin Dietz GmbH soll wie bisher ein direktes Tochterunternehmen der Karlsberg Holding GmbH bleiben, die wiederum auch mit 74,95 Prozent Mehrheitsgesellschafter der neuen Tucano Holding sein wird. An dieser ist auch Friedrich Niehoff mit 25,05 Prozent beteiligt. Das neue Unternehmen unter Geschäftsführung von Merziger-Chef Rudolf Loris und Friedrich Niehoff soll ab 1. April 2004 tätig werden und wird mit einem Umsatz von rund 100 Millionen Euro einer der bedeutendsten Markenanbieter im Saftmarkt sein.