Radeberger AG leidet sehr unter der „Trittin-Delle“

von Timur Dosdogru

„Wir erleben – und das ist das Schlimme – einen drastischen Konsumverzicht bei Bier“, zeigt sich Ulrich Kallmeyer vergrätzt, angesichts der Einbrüche im Braugewerbe. Dazu hat der Vorstandsvorsitzende der Radeberger Gruppe AG, Frankfurt, auch allen Grund: dieser sitzt in Berlin, ist Bundesumweltminister und ungewollt Namensgeber der „Trittin-Delle“, wie man den Rückgang des Bierkonsums im Hause Radeberger AG intern bezeichnet – jetzt wohl nicht mehr nur dort.

Die zum Oetker-Konzern gehörende Gruppe ist von dem in diesem Jahr eingeführten Zwangspfand für Einwegverpackungen besonders gebeutelt, weil sie bisher einen Einweganteil von rund 30 Prozent aufzuweisen hatte. Im gesamten Biermarkt ist der Einwegbereich um rund 70 Prozent zurückgegangen, jetzt wird sogar das Mehrwegleergut knapp, weil größere Mehrwegmarken im preiswerteren Bereich so stark gefragt sind.

Über dies alles ist Kallmeyer besonders verärgert, weil die Gruppe für das abgelaufene Geschäftsjahr 2002 ein an sich ordentliches Ergebnis vorweisen kann. Die Umsatzerlöse stiegen im Vergleich zum Vorjahr von 849,3 um 6,5 Prozent auf 904,4 Millionen Euro, der Jahresüberschuss stieg nach Abschluss der Altlastenbereinigung von 6,6 auf 48,9 Millionen Euro – ein Zuwachs von über 640 Prozent, auch bedingt durch den Verkauf der polnischen Brauerei Dojlidy und der Beteiligung am österreichischen Marktführer, um den Weg für den Gesamtverkauf des Partners an Heineken frei zu machen.   Erträge aus den Verkäufen: rund 27 Millionen Euro.

Dies führte zu einer Umsatzrendite von 5,4 Prozent. Man habe „stockkonservativ“ bilanziert, so der Vorstandschef, um „handfeste Ergebnisse“ abzuliefern und keine möglichen. Auch die Dividende stieg um stolze 25 Prozent von vier auf fünf Euro für die Stammaktie und von 4,51 auf 5,51 Euro für die Vorzugsaktie. Vorzeigbar ist außerdem, dass sich der Aktienkurs der Radeberger Gruppe von 175 Euro pro Aktie seit Anfang 2002 innerhalb von eineinhalb Jahren auf satte 660 Euro gesteigert hat. Vor allem deswegen ärgert sich der Manager, schließlich habe man ja nicht drei Jahre für die Konsoliderung der Gruppe geackert, um diese Effekte im Rahmen der politischen Bedingungen wieder schwinden zu sehen, schimpft er im kleinen Kreis. Diese Ergebnisse sollen Kallmeyers Streben nach „qualitativer Marktführerschaft“ untermauern.

Problematisch ist dabei, dass der Absatz von elf Millionen Hektoliter der Gruppe in 2002 gesetzesbedingt auf neun Millionen Hektoliter sinken wird. „Wir müssen 100 Arbeitsplätze abbauen“, so Kallmeyers Ankündigung. Mit den Betriebsräten sei man bereits in Verhandlungen, 250 Mitarbeiter müssten zudem vom Brautarif in den Erfrischungsgetränketarif umgestellt werden. Im ersten Quartal 2003 sank der Absatz bereits um 15 Prozent auf 2,2 Millionen Hektoliter und der Umsatz von 199,6 um 14,8 Prozent auf 170,1 Millionen Euro.

Allerdings will Kallmeyer den Marktanteil der Gruppe von derzeit acht Prozent mittelfristig mehr als verdoppeln, weshalb weitere Zukäufe folgen werden, beispielsweise in Bayern und im Rheinland. Abgeschlossen ist laut Kallmeyer endgültig die Integration von Henninger. An Tankstellen und Kiosken greife der Verbraucher jetzt zu Dosen und Flaschen ohne Pfand, die im Gegensatz zu Bier paradoxerweise diesen Vorteil weiterhin böten, wie beispielsweise RTD-Drinks auf Spirituosenbasis, klagt der Radeberger-Chef: „Gleicher Behälter, anderer Inhalt. Einmal mit Pfand, einmal ohne Pfand. Und im Supermarkt ein ähnliches Spiel: Weinflasche geht, weil ohne Pfand, Bierflasche steht, weil mit Pfand.“

Bei diesem neuen Zwangspfand handele es sich nicht um die Ausweitung der Mehrwegbepfandung in Höhe des Materialwertes von acht Cent pro Dose, sondern um ein „politisch motiviertes Kaufverhinderungspfand“ in dreifacher Höhe des Materialwertes. Das Pfand sei genauso teuer wie Verpackung und Inhalt des Produktes im Preiseinstiegsbereich zusammen. „Darüber hinaus kann man es ja derzeit nicht überall einlösen, sondern – vergleichbar einer Kaution – nur bei dem Richter, der es verhängt hat, respektive bei dem Händler, der es verkauft“, so Kallmeyers drastischer Vergleich. Es handele sich danach also um ein politisch motiviertes Einwegpfand, welches schlimmerweise auch genauso wirke.

Auch sei eine politisch ursprünglich vielleicht gewollte Lenkungswirkung mit einer 1:1 Umlenkung der Einwegmenge in das Mehrwegsystem bisher nicht eingetreten, allenfalls nur zur Hälfte. „Die andere Hälfte bleibt
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