„Ich messe meinen Erfolg an meinen Feinden, nicht an meinen Freunden“

Tamara Dragus im Gespräch … Jörg Hieber

Mit dem Neid ist das so eine Sache. Eigentlich eine niedere menschliche Eigenschaft, gibt es doch Momente, in denen er durchaus angebracht scheint. Wer Jörg Hieber trifft, durchlebt einen solchen Augenblick. Der 66-jährige Vollblutunternehmer, Inhaber von „Hieber’s Frische Center“ und Aufsichtsratvorsitzender der Edeka Hamburg,  häuft Preise an, dass einem schwindelig wird. Seine sieben LEH-Märkte im sonnigen Markgräflerland gelten als Flaggschiffe der Branche und haben den Begriff des Supermarktes neu definiert. Manchmal ist das Leben ungerecht. Da trifft man einen, der nur wenige Jahre die Schulbank drücken musste, der mit Sprüchen wie „Intelligenz ist im Lebensmittelgeschäft tödlich“ viele Kollegen vor den Kopf stößt, der dabei aber so clever, so gewitzt und so erfolgreich ist, dass man meint, irgend etwas falsch gemacht zu haben.

Eigentlich wollte Jörg Hieber Schreiner werden. Doch wie das so war in den wirren, schwierigen Zeiten – es kam alles anders. Mit 14 muss er in die Fremde. Sein Vater, gerade erst aus der Kriegsgefangenschaft zurück gekehrt, besorgt ihm eine Lehrstelle in Stuttgart. Jörg wird Konditor und lernt nicht nur die eigenen Brötchen zu verdienen, sondern sie auch zu backen. Vom Stift über den Gesellen hin zum Meister, durchläuft er jede Station rund um die Erschaffung von Teilchen und Törtchen und erbackt sich damit das nötige Kleingeld, um für eineinhalb Jahre als Konditormeister auf einem Schiff anzuheuern und die sieben Weltmeere zu umsegeln. Neugier, Abenteuerlust und Freiheitsliebe treiben ihn dazu. Eigenschaften, die seinen Charakter bis heute prägen.

Zurück an Land, lernt er seine Frau Anneliese kennen. Sie Hotel-
sekretärin, er Konditor, beschließt man, gemeinsam den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen. 1966 eröffnen sie ihren ersten Edeka-Laden. Auf 50 Quadratmeter wird das freie Unternehmertum praktiziert. Sie sitzt an der Kasse, hochschwanger, und packt an, wo sie nur kann. Er fabriziert nach Ladenschluss Schokoladenhasen, von der Gattin liebevoll eingetütet, und hält damit sich und seine Familie über Wasser. Harte Jahre sind das. Monate und Wochen in denen Hieber manchmal nicht weiß, wie es weitergehen soll. In denen er oft im Wald spazieren geht, weil er nur in Natur und Bewegung seinen Gedanken freien Lauf lassen kann. Doch sein unglaublicher Ehrgeiz, sein zähes Durchhaltevermögen und die Gewissheit, eine starke Partnerin an seiner Seite zu haben, bringen langfristig den gewünschten Erfolg.

Fünf Jahre nach der Eröffnung des ersten Marktes wird zum ersten Mal expandiert. Die neue, 180 qm große Verkaufsfläche krempelt er völlig um und vervierfacht den jährlichen Umsatz innerhalb von zwei Jahren von einer halben Million auf zwei Millionen Mark. Nur ein Jahr später übernimmt Hieber einen weiteren Markt in Lörrach, und schafft es auch hier den Umsatz zu vervierfachen. Nach seiner Devise „Ich habe Edeka im Hirn und im Herzen, ich brauch es nicht noch an den Wänden“, löst er sich schnell von der vorgegeben gelb-blauen Norm der herkömmlichen Märkte und geht eigene Wege.

Zusammen mit einem Ladenausstatter, der ihn bis heute berät und begleitet, wagt Jörg Hieber eine ganz neue, individuelle Art der Gestaltung. Als 1988 sein drittes „Frische-Center“ aus der Taufe gehoben wird, gleicht das einer kleinen Revolution. Auf 990 qm präsentiert Hieber der Branche und den Kunden nie zuvor Gesehenes. Frische Farben, Fotos an den Wänden, Kassen ohne Quengelware. Als einer der ersten in Baden-Württemberg verfügt der Markt über Scannerkassen. Die Regale sind y-förmig angeordnet und mit einfallsreichen Hinweistafeln versehen, die an Straßenschilder erinnern. Auf dem Weg zur „Zuckerallee“, vorbei am „Saucenplatz“, passiert der Kunde den „Honigweg“. Sauber ist es. Platz hat man. Und ein Angebot, das seinesgleichen sucht.

Erfrischend, kreativ, eigenwillig – in Hiebers Welt ist alles anders. Das weiß er, das will er, und das setzt er durch. Wenn’s sein muss auch mit ungewöhnlichen Methoden. Nach dem Motto „Vormachen und Antreiben“, fliegt auch schon mal die eine oder andere Dose durch die Luft, wenn es nicht so funktioniert, wie der Chef es sich vorstellt. „Obwohl ich heute schon ruhiger geworden bin. Früher war ich ein richtiger Choleriker, da war es manchmal am klügsten einfach aus meiner Schusslinie zu verschwinden.“ Wirklich übel genommen hat’s ihm keiner. Hart aber gerecht. Fordernd und anspornend. Jörg Hieber ist ein Hundertprozent-
mensch, dabei aber hundertprozentig menschlich. Er verlangt alles von sich und alles von anderen, versucht aber trotz gelegentlicher emotionaler Entgleisungen immer fair zu bleiben.

Die zahlreichen Auszeichnungen und Preise, die er gewonnen hat, wären ohne seine Mitarbeiter nicht möglich gewesen. Das betont er immer wieder. „Alleine ist man gar nichts. Nur im Team funktioniert das Ganze.“ Und wie es funktioniert: 1994 wählt die Fachzeitschrift „Lebensmittel Praxis“ den Markt in Lörrach zu „Deutschlands Supermarkt des Jahres“, 1997 wird Hieber und seinen Mannen der Branchen-Oscar „Goldener Zuckerhut“ verliehen – die höchste Auszeichnung, die in der Lebensmittelindustrie vergeben wird. Im gleichen Jahr gewinnt er zusätzlich den „Sales Cup“ für die erfolgreichste Werbekampagne. 1998 wird ein weiterer Hieber-Laden in Schopfheim Supermarkt des Jahres, drei Jahre später bekommt eben dieser Markt den selben Preis noch mal verliehen – bis dahin einzigartig in der Branche.

Dazwischen räumt Hieber seinen zweiten Sales Cup ab und eine Fachjury wählt seine Weinabteilung mit durchschnittlich 2000 Weinen und Spirituosen aus aller Welt zur besten im ganzen Land. Ein Fleisch-Oscar sei noch nebenbei erwähnt. Wen wundert’s, dass Hieber nicht nur Freunde hat, scheint ihm der Erfolg doch geradezu nachzujagen. „Ich möchte in der Ersten Liga spielen, am besten sogar in der Champions League – alles auf einmal. Ein Preis mindestens pro Jahr. Darunter machen wir es nicht.“ Mit solchen Aussagen provoziert der Herr der Preise die, die argwöhnisch auf das schielen, was Hieber hat und ihnen fehlt. „Die rennen dann durch meinen Laden und fuchteln triumphierend mit irgend einem Produkt rum, bei dem das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. So nach dem Motto – aha, auch ein Hieber macht mal Fehler.“ Großen Quatsch findet er das, Kleinkrämerei und Blödsinn. „Die sollten lieber mal nach dem gucken, was sie besser machen können, anstatt sich an solchen Peanuts hochzuziehen.“

Hieber denkt groß, Hieber denkt weit. Im größten seiner mittlerweile sieben Märkte präsentiert er inzwischen auf 3500 qm Verkaufsfläche über 42.000 Artikel. Rund 16.000 Kunden frequentieren den Markt wöchentlich, Hiebers Ziel sind 20.000. An einem durchschnittlichen Samstag kaufen über 5000 bei ihm ein, im Schnitt zahlt jeder Kunde um die 22 Euro. Das ist viel, wenn man davon ausgeht, dass der durchschnittliche Einkaufsbon in anderen Läden bei 7,50 Euro liegt. Manch einer hält sich denn auch schon mal zwei bis drei Stunden im „Frische Center“ auf, isst und trinkt im hauseigenen Gourmet-Bistro oder schlendert einfach nur durch die endlos scheinenden Verkaufsregale und lässt sich inspirieren. Dass dabei kein Stäubchen oder Krümelchen seine Kreise stört, ist dem unermüdlichen Einsatz aller Mitarbeiter zu verdanken. Und dem des Chefs natürlich. Der fährt nämlich jeden Tag von Markt zu Markt, um vor Ort zu sehen, ob alles läuft. In seinem lupenreinen weißen Kittel sieht Jörg Hieber aus wie ein ganz normaler Marktleiter und dennoch, man kennt ihn, man weiß, das ist er, da kommt er – der Frischekönig. Er lobt und lächelt und schenkt jedem Zeit und Aufmerksamkeit. Er tadelt und grummelt, wenn etwas nicht so ist, wie es sein soll. Und er bückt sich, höchstpersönlich, für jedes noch so kleine Papierchen, das im Weg rumliegt, denn: „Man hat niemals die zweite Chance einen ersten Eindruck zu machen. Der Mensch vergisst, der Kunde nie.“

Herrn Hieber auf seiner Tour zu folgen, ist ein Erlebnis für sich. Da kann
es auch passieren, das der oberste Inhalt eines Regals, das die
Hiebersche Maximalhöhe von 1,60 Metern überschreitet, plötzlich auf
den Boden wandert. Wisch und weg. Mit dem Ärmel einmal drüber-
gefegt, was unten liegt, zahlt der Marktleiter. „Wenn ich einem drei Mal
sage, er soll die Regale nicht so hoch bestück-en, reicht’s mir
irgendwann. Manchmal muss man halt zu härteren Methoden greifen.“
Dabei kann er so charmant sein. Wenn er davon spricht, dass er die
Frauen schätzt, zum Beispiel. Sie für die besseren Menschen und
Arbeitskräfte hält. „Wenn sich eine Frau für die Karriere entscheidet,
macht sie ihren Job meistens besser als ein Mann. Frauen sind
zuverlässiger, einfühlsamer und haben eine höhere Sozialkompetenz.“
Nicht umsonst werden viele verantwortungsvolle Posten in seiner Firma
von der weiblichen Fraktion besetzt.

Im nächsten Jahr möchte sich Hieber aus dem Geschäft zurückziehen.
Sein Nachfolger, Sohn Dieter, steht auch schon fest. Der 33-jährige
Einzelhandelskaufmann hat nach Abschluss seiner Lehre den Handels-
fachwirt an der LEH-Bundesfachschule in Neuwied gemacht und
danach das Junior-Aufstiegsprogramm der Edeka durchlaufen. Im
Moment absolviert er das weiterführende Unternehmer-Kompetenz-
programm. Die Aufnahmekriterien sind streng, und obwohl der Senior
im Aufsichtsrat sitzt, wurde der Junior keineswegs bevorzugt behandelt.
Jörg Hieber verlangte, dass alle Bewerbungen anonym gehandelt wurden.
Familienbande sind für ihn kein Privileg. Ob es der rührige Geschäfts-
mann mit 67 Jahren wirklich schafft, seinen Kittel an den Nagel zu
hängen, sei dahingestellt. Sohn Dieter glaubt nicht so recht daran.

Vielleicht wird man den schnellen Jörg dann noch öfter auf seinem Rennrad durchs Ländle flitzen sehen. An seiner Seite Jan Ullrich, mit dem er schon anlässlich seines 65. Geburtstages eine promotionträchtige „Tour de Hieber“ gefahren ist. Vielleicht wagt er noch ein paar riskantere Abfahrten in dem von ihm so heiß geliebten Tiefschnee. Vielleicht aber auch veranstaltet er für sich und seine Mitarbeiter mal wieder eine „Polnische Nacht“. Doch das ist eine andere Geschichte…