Schwein gehabt

Tamara Dragus im Gespräch … Jürgen und Rolf Abraham

Kappe auf, Ringe runter und husch, husch ins Kittelchen. Eine Werksbesichtigung bei den Gebrüdern Abraham in Seevetal bei Hamburg erfordert das Outfit einer OP-Schwester und ist nicht unbedingt etwas für zarte Gemüter. Wer Deutschlands größten Schinkenhersteller besucht, sollte  sich in erster Linie gerne den fleischlichen Genüssen hingeben. „Von Wurst verstehen wir nichts, aber alles vom Schinken“, so Jürgen Abraham, geschäftsführender Gesellschafter und Mitinhaber der Gebrüder Abraham GmbH & Co. KG. Zusammen mit seinem Bruder Rolf verkauft er die saftigen Hinterkeulen vom glücklichen Borstenvieh, dass die Schwarte kracht. Tendenz steigend.

Einem militanten Vegetarier würde es das Herz brechen. Nicht, dass es besonders blutig wäre. Es hängen auch keine halben Schweine von der Decke. Fein säuberlich aufgereiht an Kordeln, baumeln die Schweinepopos am Haken. Eine sehr appetitliche Angelegenheit – vorausgesetzt, man mag Fleisch. Mit langen Messern werden die Schweinehälften im Akkord bearbeitet und in so unanimalische Begriffe wie Blume, Kappe und Pape zerlegt – jedes für sich ein edles Teilstück vom Sauenhintern.

Schinken ist ein sensibles Produkt. Er wird gedrückt, geknetet, gestreichelt und geklopft. Pökeln nennt man das, und das geschieht auch heute noch in Handarbeit und verlangt viel Fingerspitzengefühl. „Jeder Schinken ist anders“, sagt Salzmeister Tiedemann, und der muss es wissen, schließlich pökelt er seit 22 Jahren für die „twee starken Typen“ aus Seevetal. Was Rolf und Jürgen Abraham zusammen auf die Beine gestellt haben, ist im wahrsten Sinne des Wortes saugut. Angefangen hat alles auf dem Wochenmarkt – nein, eigentlich schon viel früher. Angefangen hat alles mit einem abenteuerlustigen Großvater, der sein Glück in Amerika versuchen wollte. Schon am heimatlichen Hafen war Schluss mit lustig.

Das Schiff musste ohne Hermann in See stechen. Der hatte nämlich in der Absicht, sein Geld zu verdoppeln seine gesamten Ersparnisse verzockt. Doch ein echter Abraham gibt nie auf, und so schlupft Großvater Hermann frei nach dem Motto „Pech im Spiel, Glück in der Liebe“ bei der Witwe Grip unter. Fünf Kinder hat die schon, fünf weitere kommen hinzu. Eines davon hört auf den Namen Charles und wird später der Vater von Jürgen und Rolf. Hier schließt sich der Kreis. Seit einiger Zeit betreibt Jürgen Abraham Ahnenforschung. „Die Geschichte unserer Vorfahren ist abenteuerlich.“ Irgendwo huscht auch ein echter Baron durch die Chronik, doch was es mit dem auf sich hat, bleibt Familiengeheimnis. Fest steht eines: den Mut zum freien Unternehmertum haben die Brüder in die Wiege gelegt bekommen. Schon der Herr Papa macht sich nach seiner Lehre als Lebensmittelhändler mit der „Käse-Börse“ in Cuxhaven selbständig. An seiner Seite die tatkräftige Gattin, die neben der Aufzucht von drei wilden Kerlen jede freie Minute im Laden verbringt.
Als jüngstes von sieben Kindern geht sie mit 14 Jahren bei einem Schlachter in Weimar in die Lehre. Was arbeiten heißt, weiß sie. „Meine Mutter war eine ungeheuer starke Frau“, schwärmt Jürgen Abraham. „Liebevoll-chaotisch“ sei er erzogen worden, aber dennoch mit Biss. Nach der Devise „Der Not gehorchend, nicht dem eig’nen Triebe“, lernt auch er früh genug, was es heißt, die Ärmel hochzukrempeln. Nach Abschluss der Handelsschule beschließt Jürgen Kaufmann zu werden. Auf einer Trampertour nach Süddeutschland lernt er durch einen glücklichen Zufall seinen späteren Lehrherrn kennen. Dr. Demuth heißt er, und ihm gefällt die geradlinige Art des 16-jährigen Weltenbummlers so gut, dass er ihm eine Lehrstelle als Industriekaufmann im eigenen Betrieb anbietet. Als der junge Abraham nach zweieinhalb Jahren in das elterliche Geschäft zurückkehrt, ist er bestens gerüstet. 1964 ist es dann soweit.

Zusammen mit Bruder Rolf gründet er die Firma Gebrüder Abraham mit Sitz in Hamburg-Bramfeld. 500 DM investieren die beiden in ihren ersten gebrauchten Marktstand. Bei Wind und Wetter steht das fleißige Duo zu nachtschlafender Zeit auf, um auf verschiedenen Wochenmärkten Wurst- und Fettwaren feilzubieten. Schon bald kristallisiert sich heraus, wofür die zwei ein besonderes Händchen haben: Der Verkauf von hochwertigem Schinken boomt.

Flugs beschließen die Brüder, ihr Fleisch künftig selbst beim Schlachter zu ordern, um ihren eigenen Schinken herzustellen. 1967 gehen die ersten original Abraham-Schinken über den Tresen. 13 an der Zahl, ein glückliches Omen, das den Anfang einer unaufhaltsamen Erfolgsgeschichte markiert. Noch arbeiten die Jungunternehmer mit verschiedenen freien Lohnsalzbetrieben zusammen, doch schon bald wird klar, dass die Qualität des Schinkens darunter leidet. Zu unterschiedlich im Geschmack, befinden Jürgen und Rolf und sind sich schnell einig: „Um einen optimalen Qualitätsstandard in unser Produkt zu bringen, müssen wir selbst fertigen.“ Gesagt, getan. 1971 gründen die Gebrüder Abraham ihre erste eigene Schinkenräucherei. 20.000 saftige Teile werden produziert, der Jahresumsatz liegt bei drei Millionen Mark. Zehn Jahre später geht die zweite Räucherei in Betrieb. Nach dreijähriger Bauzeit, die das rührige Brüderpaar einiges an Nerven kostet. „Alle haben uns damals für verrückt erklärt, doch nach und nach konnten wir Banken und Behörden überzeugen.“

Inzwischen haben die Abrahams in puncto Rohschinken die Nase vorn. 22 Prozent Marktanteil, bis zu 600.000 Kaufkontakte täglich und ein Gesamtumsatz von 147 Millionen Euro sprechen für sich. „Wir wachsen in allen Bereichen – in Umsatz, Produktion und Absatz – weiter. Und das, ohne Subventionen hinterher-zulaufen“, betont Jürgen Abraham stolz. Auch das Ausland futtert kräftig mit. Die wichtigsten Exportländer sind Holland, Belgien, Frankreich, Dänemark, England, Russland – und die USA. Als einziges Unternehmen der Branche hat Abraham es geschafft, die Zulassung für den Export ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu ergattern. Dort sitzt seit 1999 Jürgen Abrahams 29-jähriger Spross Claas, der nach seiner Lehre als Industriekaufmann von New Jersey aus für den gesamten amerikanischen Markt verantwortlich zeichnet. Tochter Kirsten weilt in London und handelt mit Geld statt mit Schinken. Ob beide irgendwann mal nach Seevetal zurückfinden, um vor Ort das Zepter zu übernehmen, ist noch nicht sicher.
„Die müssen sich erst mal beweisen und ihre Erfahrungen sammeln. Nur hier reinzukommen, weil sie Abraham heißen, reicht nicht aus.“ Ein bisschen schwingt da wohl auch die Sorge mit, einmal nicht mehr zu hundert Prozent das Sagen zu haben. Jürgen Abraham ist der Macher, „das Rad, das alles am Laufen hält“ – so das Urteil seiner Mitarbeiter. „Der wird bestimmt Probleme haben, irgendwann loszulas..

Die vollständige Redaktion finden Sie in unserer Print-Ausgabe  08/09/2004