Liebe Leser, in dieser Kolumne kommen Sie zu Wort. Schreiben Sie Viktor, er wird auch niemanden verraten. Großes Ehrenwuff!

Viktor

Sommertage – Hundstage in Berlin

Sie bellten es laut in die Getränkewirtschaft – der Bundesbernhardiner, der Königspudel mit seinem Hirtenhund: Der Jahrmarkt ist eröffnet, das Riesenrad dreht sich wieder, alle wollen sehen und gesehen werden. In vorderster Reihe wieder die Rudelfunktionäre, aber wie sehen die denn aus? Die meisten mehr oder weniger arg gerupft, mancher nur noch mit drei Beinen. Und zu guter Letzt ist aus dem Exil auch noch ein Ehemaliger wieder aufgetaucht.

Der Gedanke, die Getränkewirtschaft ideell mittragen zu dürfen, verklärt ihren Blick – im Marktgeschehen haben sie doch schon lange nichts mehr zu bellen. Die auf die Verkaufschefs abgerichteten Terrier und die auf die Schnäppchenjäger dressierten Windhunde der Discounter haben diesmal ihre Welpen geschickt und solange sie nichts sagen, können sie schon mal Witterung aufnehmen. Sie selbst sitzen dabei auf der Pfandinsel der Glückseligen und sehen dem verzweifelten Treiben der anderen zu. Sie freuen sich über das kollektive Wegschauen in Berlin.

Herr vom Fuchsberg, Ihr wisst, der Begleiter eines ehemaligen Bierindustriellen, heißt heute Chevalier du Mont de Vos, und sein Kollege, der jetzt mit dicken Blasen in Holzschuhen durch die Gegend trampelt, machen einen weiten Bogen um sie herum – in dieser Branche sieht man sich immer zwei Mal. Hier und heute brauchen sie sich nur mit den Abnehmern unterhalten, die für jeden Partner-Schafft-Vertrag und jeden Bonus-Cent tiefe Dankbarkeit empfinden. Vor den Hundstagen habe ich noch mit der Daisy vom Mooshammer telefoniert. Was hat sie mir gestanden: sie ist auf dem Heiligen Berg der Bayern fremdgegangen – wen wundern da noch die Ereignisse?
Ist Euch aufgefallen, dass der Erz-engel Eckhardt auch da war, um für den rechten klerikalen Auftritt des Sponsors zu sorgen? Benno, mein Freund, der Lagersheriff, beaufsichtigt heute das Leergut in einem Mineralbrunnen. Er kann das Gefluche aus der Flaschenwaschstraße nicht mehr hören – Stillstand wegen falscher Flaschen. Zu den wirtschaftlichen Folgen dieser Gebindeorgien und ihre mehr als zweifelhafte Wahrnehmung durch den Verbraucher ist hier in Berlin nichts zu hören – die teilnehmenden Werbefuzzis und die Flaschenproduzenten dankten es mit höheren Teilnahme-Gebühren.

Nur der Bundesbernhardiner setzt prägnant seine Duftnote. Die Händler selbst halten Nabelschau und sinnieren derweil darüber, welche nun mal ihre Leistungen in der Verteilung und Rückführung von Mehrweggebinden sind. Hier sitzen nun die Lemminge, die mit den Redakteuren, Market-Researchern, Kommunikatoren, Consulter, Trendscouts, Psychologen, Strategen und Kreativen im Mainstream auf der Me-too-Welle gesurft sind. Plötzlich wird ihnen von den gleichen Experten deutlich gemacht, dass die Long-neck-Flasche, der teilbare Kasten mit den weichen Griffmulden, die goldene Geschmacksrichtung, die Variationen an Mischgetränken, die nicht kaputtbare Flasche für Getränke aller Art, Wellness und selbst die Natur nicht jeder noch abgeschlafften Marke den absoluten Kick eines einzigartigen der Konkurrenz überlegenen Wettbewerbsvorteils bringen werden. Die ganz Schlauen sprechen heute von einer Unique Selling Proposition; haben sie doch in der Vergangenheit zu einer Uniform Selling Position beigetragen.

Leider können Lemminge nicht schwimmen!

Ja, die demographische Verteilung in Deutschland hat sich auch wieder bei diesen Hundstagen bestätigt. Die Alterspyramide hat sich in den letzten acht Jahren qualitativ weder bei den Referenten noch bei den Teilnehmern wesentlich verändert; sie hat sich nur nach oben verschoben.

Kein Wunder, dass ein Referent die 50- bis 70-Jährigen besonders würdigte. Gerade sie sind voller Hoffnung, dass die Produkte ihrer Jugend auch heute wieder erfolgreich sein werden. Sie erinnern sich wohl an ihre tollen, alkoholfreien Limonadenerlebnisse; Charles Wilp ist aber nicht mit an die Alster gegangen, schade. Der Opa von meinem Frauchen, so alt wie diese Dinos, klärte mich über die Ready-to-Drink zu seiner Zeit auf: man nehme eine Dose Grapefruitsaft und mische sie mit einer Flasche Gin. Leider ist der Originalgeschmack nicht mehr zu reproduzieren, da es keine Säfte in Weißblechdosen mehr gibt. Ein weiteres Rezept hat er mir verraten: Man nehme eine Flasche deutschen Sektes und eine Flasche Bier „Pilsner Brauart“ mische diese in einem Glaskrug und fülle damit Biertulpen. Seine Erinnerung: lange feststehende Schaumkrone, perlend, erfrischend und ausgewogenes Verhältnis zwischen der Süße des Sektes und der Bitterstoffe des Hopfens.

Opa hat das neulich mal wieder probiert. Das Ergebnis war für ihn niederschmetternd. Es gelang ihm nicht den alten Geschmack zu erreichen, egal welches Bier er auch einsetzte. Bei der Bierverkostung hier in Berlin wurde mir klar warum: die meisten Biere haben sich auf so niedrige Bittergrade eingependelt, dass der Hopfengeschmack fast völlig abhanden gekommen ist.
Ist es nicht traurig, dass nach den Politik-Sheriffs gerufen wird, damit sich die Schnaps- und Bier-Panscher mit den Öchsle-Auguren darauf einigen, wie das Politik-Rudel in Schach gehalten werden kann? Na, dann bin ich mal gespannt, ob in 2006 noch für Getränke geworben werden darf; dann  heißt unser Treffen schlicht Sommertage der Hundswirtschaft – ich fühle mich dann geehrt.

Bis demnächst

Euer Viktor