AUF DEN SPUREN NACH VERLORENEN GESCHMÄCKERN

Der Kaiser der Paradeiser

von Monika Busch

Ihre Namen wie Frühe Liebe, Magnum, Lambada, Pamboli oder Goldene Kugel des Froschkönigs klingen exotisch, sie sind gefleckt, gestreift, gelb oder rot, rund oder birnenförmig und haben alle eines gemeinsam – sie schmecken nach praller Sonne, liebevoller Pflege und Handarbeit.
Die Rede ist von den Paradeisern des Erich Stekovics. Seit 1958 pflanzte sein Vater, ein gebürtiger Ungar, auf den Feldern Freilandgemüse an. Somit lag ihm der Duft von Paradeisern und Paprika seit seiner Kindheit in der Nase. Inspiriert und angesteckt von diesem Duft, flieht Stekovics in den Neunziger Jahren zurück in seinen geliebten Seewinkel und übernimmt den kleinen Betrieb seines Vaters im Burgenland.

Unsere Werkstatt hat kein Dach

Damals hielten immer mehr Glashäuser und Plastiktunnel Einzug in den Gemüsebau. Mehrfachernten und Geschmacksverlust waren die Folgen. Diese Art des Anbaus war nicht sein Ding. „Was nicht gegessen wird, stirbt aus“, erklärt Stekovics das Verschwinden uralter Freilandsorten. Dem Einfachen und Ursprünglichen auf der Spur ließ Stekovics sich nicht beirren auf der Suche nach den verloren gegangenen Geschmäckern. Er sammelte Samen von vergessenen und verdrängten Sorten, setzte auf natürlichen Anbau unter freien Himmel, überließ seine Pflanzen einfach der Natur. Dabei half dem studierten Theologen auch ein göttlicher Beistand – das pannonische Klima seiner Heimat am Neusiedler See mit dreihundert Sonnentagen im Jahr und stetem Wind. Stekovics hat seine Pflanzen dem Wind und der Sonne anvertraut, dem sanften Regen und den fleißigen Bienen. Sie wurden im Sand verwurzelt und in kalten Nächten von den Steinen gewärmt… und hatten viel Zeit zu gedeihen. So wie es von jeher bei ihm daheim Brauch war.

„So ist alles zu seiner Zeit und ist selbst Zeit“

Ohne Blick auf Ertrag und Aussehen der Früchte arbeitet Stekovics mit den Extremen dieses Klimas. Unter den großen Temperaturschwankungen, dem ständigen Wind sowie dem Verzicht auf Bewässerung entfalten sich die Aromen seiner Tomaten auf besondere Weise. Geerntet wird bei Vollreife.
In Zeiten uniformer Gemüsekulturen ein riskantes Unterfangen, denn im Zustand der Vollreife verlieren seine Früchte an verkaufsfördernder Optik. Jedoch bedient sich Stekovics der traditionellen Konservierungstechniken seiner Heimat und bannt seine Paradeiser ins Glas.
Heute wachsen jährlich über 3000 Sorten Tomaten, in Österreich Paradeiser genannt, auf seinen Äckern. Klingende Namen und bedeutsame Gefährten aus der Vergangenheit überraschen mit ihrem Ureigentlichstem – dem inneren Geschmack auf unverwechselbare Art. Der Familienbetrieb ist mittlerweile der größte Tomatenproduzent Österreichs und seine „Einlegearbeiten“ sind weit über die Kulturlandschaft des Neusiedler Sees gefragt.

Die vollständige Redaktion finden Sie in unserer Print-Ausgabe  06/07/2005