Das Reinheitsgebot für deutsches Bier

Fessel oder Vorteil?

von Erich Dederichs, Kohl PR & Partner, Bonn

Stellen Sie sich doch einfach einmal ein Land vor, in dem alle dort geborenen Menschen rote Kleidung tragen müssen. Natürlich kein Einheitsrot, kleine Farbtupfer sind möglich – und die Menschen in diesem Land sind auch ungeheuer kreativ, wenn es darum geht, neue Farbtupfer in diesem Rot unterzubringen.

Aber: Alles ist zunächst einmal rot. Natürlich gilt diese Verpflichtung zum Rot nicht für Ausländer, denn die dürfen die Farben ihrer Kleidung frei wählen. Und so gibt es immerhin einige wenige Farbtupfer in diesem Land. Der Grundton Rot ist aber einfach da, er ist nichts Besonderes, nichts Außergewöhnliches, sondern eher etwas Selbstverständliches.

So ist es vielleicht auch mit dem Reinheitsgebot für deutsches Bier, jener ältesten, noch gültigen lebensmittelrechtlichen Vorschrift der Welt. Alle in Deutschland gebrauten Biere dürfen nur unter Verwendung von Malz, Hefe, Hopfen und Wasser gebraut werden. Ausnahmen sind nicht möglich – außer bei im Ausland gebrauten Bieren, die dann aber auf dem Etikett die Abweichungen genau angeben müssen.

Genau wie bei den „Rot-Menschen“ in unserem erfundenen Land sind die deutschen Brauer allerdings ungeheuer kreativ, wenn es darum geht, diese vier beschriebenen Zutaten miteinander zu mischen, um daraus rund 5.000 verschiedene Biermarken herzustellen. Und irgendwie immer selbstverständlich ist dabei die Einhaltung des Reinheitsgebotes. Eine besondere Möglichkeit der Differenzierung gegenüber den anderen Bieren ist das natürlich nicht, denn – wie gesagt – alle halten sich daran.

Jeder Versuch, das Reinheitsgebot aufzuweichen, kommt in Deutschland fast einer Revolution gleich. Wer dies versucht, wird als Verräter an der guten Sache betrachtet. Dabei geht es doch gar nicht darum, das Reinheitsgebot generell abzuschaffen, sondern „nur“ darum, auch die Verwendung anderer Zutaten als Malz, Hopfen, Hefe und Wasser zuzulassen. Eine solche Initiative wäre keine Aufweichung des Reinheitsgebotes, sondern sogar eine Stärkung dieser Vorschrift.

Denn erst wenn auch andere Zutaten möglich sind, erhält die Auszeichnung „gebraut nach dem deutschen Reinheitsgebot“ eine tatsächliche Bedeutung, dann ist sie etwas Besonderes, etwas, das nicht selbstverständlich ist. Für den Verbraucher ist eine solche Auszeichnung dann wieder eine echte Orientierungshilfe, eine Auszeichnung, auf die es sich für viele lohnt, zu achten.

Und was bedeutet das für die Brauereien in Deutschland? Die einen werden selbstverständlich auch weiterhin nach dem Reinheitsgebot brauen – aus Tradition und aus Überzeugung – und sie werden auf den Etiketten darauf hinweisen. Und die anderen: Sie können experimentieren, können die Vielfalt der möglichen Zutaten erproben – und so eventuell zusätzliche Absatzchancen generieren. Sicherlich reden wir hier nicht über Absätze in Millionenhöhe, zum Beispiel für ein Koriander- oder Schokoladen-Bier. Das ist auch gut so, denn nur geringe Mengen rechtfertigen höhere Preise für besondere Biere. Welche Preise sich mit Spezialitätenbieren erzielen lassen, beweisen übrigens die vielen kleinen belgischen Brauer.

Nochmals: Es geht nicht darum, das Reinheitsgebot für deutsches Bier abzuschaffen. Dieses Qualitätsmerkmal soll (und muss) auch für die Zukunft erhalten bleiben. Es geht „nur“ darum, auch die Verwendung anderer Zutaten als Malz, Hopfen, Hefe und Wasser in Deutschland zuzulassen. Warum muss denn ein deutscher Brauer erst sein nicht nach dem Reinheitsgebot gebrautes Bier im Ausland brauen lassen, dort Arbeitsplätze sichern, um dann dieses Bier in Deutschland verkaufen zu können? Stärken wir also das Reinheitsgebot und seine Bedeutung für die deutsche Brauwirtschaft, indem wir es als Verpflichtung abschaffen!