Diageo-Workshop zu Alkoholmissbrauch und Suchtprävention: Verblüffende An- und Einsichten eines WHO-Beauftragten

Krönender Abschluss für scheidenden Geschäftsführer Uwe Schneider: Unternehmen wieder unter “Deutschlands besten Arbeitgebern”

von Timur Dosdogru

Zum zweiten Mal in Folge ist die Diageo Deutschland GmbH, Rüdesheim, als einer von „Deutschlands besten Arbeitgebern 2005“ geadelt worden. Die Auszeichnung wird jährlich vom Wirtschaftsmagazin Capital und vom „Great Places to Work“-Institute Deutschland verliehen. Danach belegte Diageo Deutschland in der Kategorie bis zu 500 Mitarbeiter den zehnten Platz, während das Unternehmen in der Nahrungs- und Genussmittelbranche mit Platz Eins an die Spitze kam. Der Wettbewerb wurde zum dritten Mal in Deutschland ausgetragen, die Preisverleihung fand im Hotel Adlon in Berlin statt.

Die Mitarbeiter stünden hinter ihrem Unternehmen und bescheinigten eine einzigartige Unternehmenskultur, die sie in den Bereichen „Glaubwürdigkeit“, „Respekt“, „Fairness“, „Teamgeist“ und „Stolz“ verwirklicht sähen, heißt es.

Vor allem freute diese Auszeichnung auch Diageo-Chef Uwe Schneider, der dazu erklärte: „Nach dem zweiten Platz bei ,Deutschlands beste Arbeitgeber 2004’ im letzten Jahr gewinnt die Auszeichnung in diesem Jahr noch mehr an Bedeutung: Diageo Deutschland ist als einer der attraktivsten Arbeitgeber bestätigt worden. Unsere Mitarbeiter identifizieren sich mit unserem Unternehmen, sie sind mit Freude und Engagement bei der Arbeit. Jeder einzelne, der für Diageo arbeitet, leistet einen entscheidenden Beitrag zum Unternehmenserfolg. Unsere Mitarbeiter sind unsere Botschafter.” Für Schneider ist dies auch ein krönender Abschluss, er hat das Unternehmen auf eigenen Wunsch in bestem Einvernehmen zum 1. März dieses Jahres verlassen, um sich neuen beruflichen Herausforderungen zu stellen. Insgesamt war Schneider neun Jahre für Diageo Deutschland GmbH und Austria GmbH tätig gewesen. Seine Nachfolge übernahm der frühere Mitstreiter Ulrich Melzer, der mit dem deutschen Markt vertraut ist und für Diageo in den letzten Jahren als Türkei-Geschäftsführer erfolgreich war.

Außerdem können sich alle Mitarbeiter des internationalen Diageo-Konzerns noch über etwas anderes freuen: Die Zeitung New York Times hat in einer Blindverkostung kürzlich die Diageo-Marke Smirnoff Premium Vodka zur besten Wodkamarke der Welt gekürt. Verglichen wurden 21 Premiummarken, darunter Wodkas aus Russland, Polen, der Schweiz, Holland und Neuseeland. Nichtsdestotrotz will Uwe Schneider beispielsweise die Marke Smirnoff nicht mehr in einem James-Bond-Film („Geschüttelt, nicht gerührt!“) sehen. Diese Haltung passt zu dem im vergangenen Jahr intensivierten Dialog mit Gesellschaft, Politik und Wirtschaft zum Thema „Alkoholmissbrauch und Prävention“.

Die „18+“-Kampagne, die Diageo ins Leben gerufen hat, setzt so ziemlich die strengsten Maßstäbe in Sachen Eigenverantwortung, die sich ein Hersteller alkoholischer Getränke selbst auferlegen kann. Zugrunde liegen dieser Kampagne die Bestimmungen der Länder in der Welt, in denen die Gesetzgebung im Umgang und Verkauf bezüglich Alkohol am strengsten ist und die Diageo für sich auch in den Ländern (insgesamt 180) anwendet, in denen eine laxere Gesetzgebung besteht (siehe ausführlicher Bericht dgw 11/12/04). Alle Kunden, Händler, Lieferanten etc. sowie die eigenen Mitarbeiter sind von Diageo Deutschland verpflichtet, diesen umfangreichen Kodex einzuhalten.

Dazu gehören auch klar definierte Grenzen in der Werbung. Dass James Bond seinen Drink früher im Film mit Smirnoff mischen ließ, lässt sich natürlich heute nicht mehr wegretuschieren, aber künftig soll dies nicht mehr vorkommen. So wie das Unternehmen sich auch konsequent generell gegen die Abgabe jedweder alkoholischen Getränke an Jugendliche unter 18 Jahren einsetzt, mit dem Tenor, Alkohol sei nun einmal ausschließlich etwas für Erwachsene. Dies wird auch in der von Diageo verfassten Broschüre „Verantwortungsvoller Umgang mit Alkohol“ ausführlich dargelegt, die im Februar der Öffentlichkeit vorgestellt wurde und sozusagen ein Leitfaden für Industrie, Handel, Gastronomie, Politik und Gesellschaft sein soll.

Ihr liegen im wesentlichen die Ergebnisse des im vergangenen Jahr durchgeführten Workshops zu diesem Thema zugrunde. Und da findet sich Interessantes: Im Gegensatz zu vielen populistischen Aufrufen selbst ernannter oder offizieller Drogenexperten oder Drogenbeauftragten, die angeblich in Berufung auf die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gerne für Straf- oder Sondersteuern für alkoholische Getränke eintreten, gibt der Suchtbeauftragte des WHO-Instituts der Universität Bielefeld, Dr. Wolfgang Settertobulte, ganz andere Einsichten. Eine Studie, die im Auftrag der WHO unter seiner Mitarbeit durchgeführt wurde, räumt mit einigen früher aufgestellten Grundsätzen zum Trinkverhalten von Jugendlichen gründlich auf und müsste eigentlich auch Eltern und Politiker hellhörig werden lassen.

Explizit wird festgestellt, dass allein Preissteigerungen Jugendliche nicht vom Alkoholkonsum abhalten – was ja mit eine der ideologischen Grundlagen für die Alcopop-Sondersteuer darstellt.

Dies führt der Referent darauf zurück, dass nirgendwo der Alkoholkonsum von Jugendlichen so früh und so häufig stattfindet, wie in Mitteleuropa, der Umgang mit Alkohol gilt in den meisten europäischen Ländern als kulturell akzeptiert. Danach trinken in Deutschland knapp 40 Prozent und in England sogar über 50 Prozent der 15-Jährigen mindestens einmal in der Woche alkoholische Getränke. In Finnland oder in Frankreich sind es hingegen nur 17 Prozent, die den „regelmäßigen Kick aus der Flasche“ suchen. Die Kinder lernten in ihrer Umwelt bereits früh die soziale Bedeutung und die vermeintlich positive Auswirkung von Alkohol, heißt es.
Allerdings müsse man auch die unterschiedlichen „Trinkkulturen“ der einzelnen Länder berücksichtigen: In den skandinavischen Ländern werde das Thema Jugendliche und Alkohol in der Öffentlichkeit nicht so locker gesehen, wie in deutschsprachigen Ländern. Der Kultur des Genuss-trinkens im Süden stehe im Norden eine Kultur des Rauschtrinkens gegenüber, während in Mitteleuropa Alkohol vor allem zur Erleichterung sozialer Kontakte eingesetzt werde.

Völlig illusorisch sei in diesem Umfeld daher die Vorstellung, Teenies das Trinken von „Bier, Alcopops, Wein & Co.“ völlig verbieten zu wollen, da strengere Gesetze den Alkohol nicht nur interessanter machten, sondern auch schwer durchzusetzen seien. „Dafür ist Alkohol bei uns viel zu sehr ein Teil des gesellschaftlichen Beisammenseins“, meint Settertobulte.

Somit gebe es in Deutschland in Sachen Alkoholprävention keine schnellen, einfachen Lösungen, vielmehr müsse sich Prävention ganz pragmatisch an den Bedürfnissen und Lebensumständen der Jugendlichen orientieren. Zudem müsse die Prävention verbreitete „Alltagstheorien“ aufweichen, die sich für Settertobulte in drei Irrtümer unterteilen. Zu viele Präventionsstrategien beruhten auf der Annahme, Jugendliche seien zu befähigen, sich eigenverantwortlich gegen das Trinken von Alkohol zu entscheiden, nach dem Motto: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Diese Kompetenzförderung und Persönlichkeitsstärkung werde immer wieder als wichtigster Punkt bei Präventionsmaßnahmen genannt. Bei genauerem Hinsehen zeige sich jedoch, dass die Strategie der klassischen, auf das Individuum bezogenen Vorbeugung und Gesundheitserziehung die Opfer zu Tätern mache. Fazit des Wissenschaftlers: „Präventions- und Aufklärungskampagnen machen den Einzelnen für etwas verantwortlich, was er nicht völlig eigenständig verantworten kann.“

Mit Alkohol verhalte es sich wie mit allen anderen Drogen: „Was mit Genuss beginnt, kann in Missbrauch umschlagen, in Abhängigkeit und schließlich Verelendung enden. Wo sich jemand in diesem Spektrum bewegt, hängt nicht nur von der inneren Stärke ab, sondern auch von Umweltfaktoren und der gesellschaftlichen Bedeutung einer Droge.“

Auf die einzelne Person bezogen, gebe es verschiedene Faktoren, aufgrund derer sich voraussagen lasse, in welchem Ausmaß jemand Alkohol gebrauche. Ausschlaggebend sei vor allem die Suchtveranlagung, die bestimme, wie günstig oder ungünstig der Körper den Alkohol verarbeite. „Zwischen zehn und zwanzig Prozent der Bevölkerung neigen genetisch dazu, Alkoholsucht zu entwickeln. Gegen diese Veranlagung kann Prävention kaum etwas ausrichten.“ Zweitens entscheide die Persönlichkeit auch darüber, wie souverän jemand mit seinem Alkoholkonsum umgehe: „Wer beliebt ist, stark und selbstbewusst, sagt leichter nein.“ Auch die Umwelt sei entscheidend für das Ausmaß des Alkoholkonsums, sprich das soziale Klima. Gerade Jugendliche neigten zu größerer Risikobereitschaft, je weniger Chancen sie für sich sähen: „Trinken ist in diesem Fall auch Flucht vor der Wirklichkeit.“ Das Ausmaß des Drogenkonsums hänge zudem stark davon ab, welche gesellschaftliche Bedeutung eine Droge habe (Risiko, Verfügbarkeit, Preis, Rolle im Alltagsleben und Kul…

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in unserer Print-Ausgabe  03/2005