Liebe Leser, in dieser Kolumne kommen Sie zu Wort. Schreiben Sie Viktor, er wird auch niemanden verraten. Großes Ehrenwuff!

Viktor

Wenn einer eine Reise tut…

Das war eine Reise! Jetzt weiß ich, was Bergziegen jeden Tag mitmachen müssen. Mein Herrchen, dieser alte Weinfreak, wollte sich vor Ort davon überzeugen, wie sich der 2005er Wein entwickelt. Also Frauchen und Viktor ins Auto gepackt und ab in Richtung Süden. Ich hab’ mich schon auf ausgedehnte Strandspaziergänge und ein erfrischendes Bad im Mittelmeer gefreut, Frauchen träumte vermutlich von einem Prosecco auf der Terrasse – da biegt Herrchen bei Koblenz rechts ab von der A 61. Was sollte das? Wir waren doch kaum losgefahren! Doch Herrchen hielt unbeirrt am Kurs fest, leise vor sich hin pfeifend.
Obwohl wir noch viele Stunden von meinen Mittelmeer-Träumen entfernt waren, fühlte ich mich nach ein paar Kilometern fast wie im sonnigen Süden. Touristen und Einheimische saßen in gemütlichen Höfen zwischen Oleander und Olivenbäumen unter Weinreben und genossen die Septembersonne bei einem Glas Wein, auf dem Wasser zogen Schiffe voller Urlauber vorbei.
„Im Herbst ist es an der Mosel doch am schönsten“, rief Herrchen begeistert aus, als er den Wagen in die Einfahrt des Hotels steuerte. Ich muss zugeben, da war Herrchen nicht knausrig gewesen. First Class-Hotel in einem alten Weingut, mit schönem Park. Genau das richtige zum Faulenzen. Doch beim Blick auf die steilen Hänge hinter dem Hotel schwante mir schon Übles. „Der wird doch nicht…“, dachte ich noch, da stapfte Herrchen schon in Wanderstiefeln und mit Rucksack auf dem Rücken in Richtung Weinberge los, Frauchen in ähnlichem Outfit im Schlepptau. Was soll man da machen als folgsamer Hund? Konnte die beiden ja nicht alleine losziehen lassen, wer weiß was da passiert?
Die schmalen Treppchen und Pfade forderten meinen Pfoten einiges ab. Ich kam richtig ins Schwitzen, so steil war das. Ein paar Mal musste mich Herrchen sogar eine Leiter hoch tragen, weil ein großer Felsen den Ziegenpfad unterbrach. Höhenangst darf man da keine haben. „Klettersteig“ nennen die das. Und der Weg ist so schmal, dass keine zwei Leute aneinander vorbei kommen. Ich dachte immer, das gibt es nur in den Bergen.
Gott sei Dank gab es genug Pausen, denn ständig blieben Herrchen und Frauchen stehen, um den Ausblick zu genießen. Zugegeben, das war schon spektakulär, im Hang zu stehen und ins Tal zu schauen, die Schiffe waren ganz klein von da oben. Und die Trauben, die ich ab und zu von einem Rebstock naschte, waren schon richtig süß. Lecker! Von den Eidechsen habe ich leider keine erwischt, die waren einfach zu schnell. Bleibe ich lieber bei den Rieslingtrauben, die laufen nicht weg. Und Obst ist ja ohnehin gesünder. Was mir aber überhaupt nicht in den Kopf wollte, wieso hier jemand freiwillig arbeitet. Die Reben wachsen doch auch im Flachen, da fährt sich’s doch wunderbar mit dem Traktor. Und hier oben: Nur Plackerei, keine Maschinen, alles zu Fuß und mit der Hand. Die spinnen doch, diese Winzer!
Na ja, nicht alle. Viele scheinen schon zur Vernunft gekommen zu sein, denn an vielen Stellen wucherten Hecken und junge Bäume, dazwischen sah man noch den ein oder anderen Rebpfahl. Komisch, Herrchen regte sich jedes Mal darüber auf, wenn er einen verwilderten Weinberg sah. „Das ist eine Schande, dass diese herrliche Landschaft verfällt“, wetterte er, „immerhin haben hier schon die Römer Wein angebaut.“ Frauchen nickte zustimmend.
Als wir dann den jungen Winzer trafen, der nach den jungen Reben schaute, die er offenbar im Frühjahr ins Schiefergeröll des Steilhangs gepflanzt hatte, musste Herrchen seine Sorgen über den „Erhalt dieser einzigartigen Weinkulturlandschaft“ (so geschwollen formulierte er das) gleich los werden.
„Bei den Preisen, die heute von den meisten Weinkellereien für die Trauben und den Wein gezahlt werden, ist das kein Wunder“, klärte der junge Önologe uns auf, weshalb viele Weinberge nicht mehr bearbeitet werden. „Die Arbeit im Steilhang kostet mehr, als über den Weinpreis erlöst wird. Pro Hektar Steillage sind bis zu zehn mal mehr Arbeitsstunden nötig als in der Flachlage.“ Dann müssten die Winzer eben mehr Geld für den Wein verlangen, meinte Herrchen. Der Winzer lachte nur. „Gehen Sie doch in die Discounter und schauen Sie, was die Leute für eine Flasche Wein zu zahlen bereit sind. Dort wird schon fast die Hälfte des Weines in Deutschland verkauft. Und mit den Produktionskosten in Übersee oder südeuropäischen Ländern können wir hier in den Steillagen nicht konkurrieren.“ Frauchen wurde etwas rot bei diesen Worten. Sparsam wie sie ist, kauft auch sie Wein lieber bei „Oldi“ und „Ludl“ ein. „Nicht jeder kleine Winzerbetrieb hat die Kunden für höhere Preise“, erfuhren die beiden, und die meisten Winzer verkauften ohnehin den Wein im Fass an größere Abfüller, die wiederum die großen Ketten beliefern. Auch die Direktvermarktung, die noch Kosten deckende Preise ermögliche, werde immer schwieriger, berichtete der Winzer. Die Kunden kauften immer weniger, der Zeit- und Personalaufwand pro verkaufte Flasche werde immer höher. Fast jeder sei am sparen, die Angst vor Arbeitslosigkeit, höheren Steuern und Preisen sei auch hier spürbar. Ein Teufelskreis, der sich letztlich auch auf die Landschaft und damit den so wichtigen Tourismus auswirke.
„Aber wieso plagen Sie sich dann noch hier mit ihren Reben?“, wollte Frauchen wissen. Die Antwort kam sachlich: „Weil in keiner Flachlage der Welt Weine wachsen, wie hier auf dem Schieferboden der Steilhänge. Diese Qualität bekomme ich nur hier. Ich möchte eben nicht uniforme Industrieweine machen, wie man sie in jedem Discounter kaufen kann, sondern handwerkliche Weine mit unverwechselbarem Charakter. Es gibt Weinfreunde, denen ist das wichtiger als der Preis.“
Vor allem im Ausland werde der Riesling hoch geschätzt, weshalb sehr viele Weingüter lieber zu guten Preisen in die USA oder in die Schweiz exportierten, als auf dem schwierigen deutschen Markt gegen die globale Billig-Konkurrenz anzutreten, berichtete der Winzer. Schon verrückt, dachte ich, da schippern die den Riesling um die ganze Welt, und im eigenen Land saufen die Leutchen lieber Pinot Grigio oder Rotwein von down under. Die Amis müssen sich ja totlachen über diese seltsamen Deutschen, die ihren Riesling so leichtfertig hergeben. Herrchen fand das gar nicht lustig, er murmelte irgendwas vom „Prophet im eigenen Lande…“.
Doch der junge Winzer war zuversichtlich, dass der Riesling auch wieder in Deutschland in Mode kommt: „Qualität setzt sich durch.“ Auch die großen Erzeuger und Abfüller arbeiteten permanent an der Weinqualität, um aus dem Strudel der Billigweine herauszukommen. Der Riesling sei zudem so vielfältig, dass er allen was biete, ob Trocken-Trinker oder Lieblich-Fan. Mit Rotwein hätten die deutschen Winzer immerhin schon einigen Boden im eigenen Lande zurückgewonnen. Das hätte ihnen früher die „Weinkritiker“ auch nicht zugetraut.
Schon irgendwie klar, dass der Tag in der Straußwirtschaft des Winzers endete. Sogar Frauchen erwähnte ihre anfangs noch vorgebrachten Bedenken von wegen Weinsäure nach dem ersten Glas Riesling Classic nicht mehr. „Ich sag’s doch, die haben unheimlich viel dazu gelernt, die deutschen Winzer“, lächelte Herrchen zufrieden und erging sich über die Verbindung von traditionellem Handwerk und moderner Önologie, während ich es mir unter dem Tisch gemütlich machte. Als er dann nach der zweiten Flasche Wein lauthals ankündigte, am nächsten Tag die nächste Klettertour in den Steillagen zu unternehmen, musste ich doch mit einem wütenden Knurren Einhalt gebieten. So kam ich stattdessen mit Frauchens Unterstützung noch zu einer entspannten Schiffstour, bevor wir wieder Richtung Heimat rollten. Herrchen träumte schon – leise vor sich hin pfeifend – davon, die beim Winzer ausgesuchten Bouteillen in seinen Keller einzuräumen, während Frauchen sich schon auf die Gesichter ihrer Freundinnen freute, wenn sie beim nächsten Canasta-Abend diesen unglaublich leckeren Riesling-Secco zum Super-Schnäppchen-Preis probieren würden…

Bis bald
Euer Viktor