Liebe Leser, in dieser Kolumne kommen Sie zu Wort. Schreiben Sie Viktor, er wird auch niemanden verraten. Großes Ehrenwuff!

Viktor

Kommt der Knochen zum Hund…

„Die meeten sich noch zu Tode“, murmelt Frauchen entnervt, als sie an diesem Tag schon zum 20. Mal und insgesamt seit vier Wochen versucht hat, den verantwortlichen Manager eines mittleren Unternehmens zwecks einer Sachauskunft zu erreichen. So etwas spielt sich jeden Tag ab und ist vor allem in den letzten Jahren ein Teil deutscher Unternehmens(un)kultur geworden.
Es ist ja einerseits verständlich, dass nicht jeder zu jeder Zeit für jeden Hinz und Kunz zu erreichen ist, sonst käme man ja nicht mehr zum arbeiten. Und immer mehr Arbeit verteilt sich auf immer weniger Leute, keine Frage, wissen alle, die noch arbeiten. Andererseits hat man aber langsam das Gefühl, dass überhaupt keiner mehr für irgendetwas verantwortlich ist. Aber das braucht man ja auch nicht, man hat ja seine Presseagentur, für die eine Zeitungsredaktion entweder ein Tag-und-Nacht-Auskunftsbüro oder gar einen großen medialen Behälter darstellt, wo man auch noch die hunderttausendste Mitteilung für irgendeine besonders „aufmerksamkeitsstarke“ Promotion loswerden kann.
Aber, versucht es mal umgekehrt. Entweder ist keiner da, oder, einer der zwar da, aber jetzt nicht da ist, will angeblich zurückrufen oder ist tatsächlich selbst da und sagt, er melde sich zu dem und dem Termin, ganz bestimmt, und wenn man dann nach einer angemessenen „Schonfrist“ nochmal anruft, heißt es, derjenige sei leider gestern in den wohlverdienten Urlaub gegangen. Selbstredend kann über die gewünschte Auskunft auch niemand etwas anderes sagen. Früher gab es wenigstens eine Art Stellvertreter, aber auch dies sucht man zunehmend vergebens. Dies ist vor allem in den mittleren Hierarchien vieler Unternehmen zu beobachten, zu den eigentlichen Entscheidungsträgern gelangt vieles oft nicht, wenn, dann mehr oder weniger durch Zufall. Wenn man dann irgendwann einmal bei einer Veranstaltung einen „echten“ Entscheidungsträger trifft, zu dem man einen mehr oder weniger besseren Draht hat und diesen in einem vertraulichen Gespräch auf solche Vorgänge hinweist, passiert in den meisten Fällen etwas – und wenn nur wieder die zuständige Presseagentur anruft. Wenn man besonderes Glück hat, zieht man sich auch noch den Zorn desjenigen zu, der sich den Schuh anzieht oder tatsächlich eine Ansage von seinem Vorgesetzten bekommen hat (unprofessionell) – unabhängig von der Sachfrage, um die es gegangen ist. Frauchen ist deswegen oft genervt: Wenn die aber mal was von uns wollen, dann kann es nicht schnell genug gehen, und man fragt sich: die wollen doch schließlich was von uns, und ich denke mir dann: Seit wann kommt der Knochen zum Hund?
Aber man merkt es, dass in vielen Unternehmen sich die Zeiten geändert haben. Fast gänzlich verschwunden ist Unternehmenskultur bei konzerngebundenen Gesellschaften, wo die Leute auch noch mittlerweile schon manchmal monatsweise wechseln und keiner für irgendwas richtig zuständig ist.
„Der ist noch den ganzen Tag im Meeting“, „Tut mit leid, Frau X ist einer Besprechung mit dem Vorstand, aber sie wird sich auf jeden Fall melden“, ist so auch sehr beliebt, die heutige Variante von „Rufen Sie nicht an, wir rufen Sie an“ – Ja, im nächsten Jahr vielleicht, aber dann ist Frau X nicht mehr Frau X, sondern Herr oder Frau Y oder sonst wer.
Aber trotz all dieser Erscheinungen, es gibt sie noch, die Erreichbaren, die Aufgeschlossenen, die, die ihr Wort halten und wenigstens noch Bescheid sagen oder sagen lassen, wenn es mit dem Rückruf nicht zum vorgesehenen Zeitpunkt geklappt hat und man weiß, dass man sehr bald von ihnen hören wird. Das gehört einfach nicht nur zum guten Ton, sondern zur Professionalität, die leider immer mehr abhanden kommt.
Denen, die diese noch pflegen, sei hier noch einmal ausdrücklich gedankt, den anderen würde ich sagen, sie sollten noch einmal das eine oder andere Seminar in Sachen Benimm mehr besuchen. Der Gewinnmaximierung wird dies sicherlich auch nicht schaden, im Gegenteil.

In diesem Sinne
Euer Viktor