„Granaten“ Adieu?

Zurück zur trockenen Leichtigkeit
von Wilfried Moselt

Die internationale Weinszene wird von alkoholreichen Weinen bis zum Abwinken überschwemmt – nach der Devise: je höher der Alkoholgehalt, desto wertvoller der Wein. Trocken ausgebaute Weißweine mit einem Alkoholkorsett von 15 Volumenprozent und mehr sind keine Seltenheit und erfüllen den Erzeuger mit einem gewissen Stolz, werden sie doch von Edel-Verkostern und Weinpäpsten in den Himmel gehoben. Das Problem ist indes, dass sich diese Experten solche Weine nur in Fingerhutdimensionen zu Gemüte führen.

„Man braucht die schweren, konzentrierten Weine, um bei nationalen und internationalen Verkostungen eine Chance zu haben. Leichteren Weinen wird von der Presse weniger Beachtung geschenkt. Man hat bei Weinführern oftmals das Gefühl, dass nur Weine, die konzentriert und dick sind, in die oberen Punkteklassen kommen können“, fasst es Markus Berres vom Weingut C. H. Berres in Ürzig. „Wenn man jedoch ehrlich ist, liegen die Weine, die man mengenmäßig vermarktet, in aller Regel wesentlich niedriger im Alkohol. Gerade in letzter Zeit fragen die Kunden immer mehr nach leichteren Weinen und sagen frei heraus, dass sie den Wein genießen möchten und auch mal eine 3/4 Flasche trinken wollen, ohne in der Ecke zu liegen. Wir vermarkten 80 Prozent unserer Weine auf dem Weltmarkt und erhalten von unseren Importeuren gezielte Anfragen nach leichteren Weinen. Dieser Trend wird sich aus unserer Sicht weiter fortsetzen.“
Es ist hinlänglich bekannt, dass Alkohol ein formidabler Geschmacksträger ist. Ausgesprochen alkoholreiche Weine bringen naturgemäß eine breitere Vielfalt an Aromen in die Nase und die häufig besungene markante Fülle an den Gaumen. Sie lassen sich in Kleinstmengen optimal probieren, werden aber in darüber hinaus gehenden Portionen eher von Etiketten-Trinkern konsumiert, die sich von hochgelobten Namen und noch höher geschraubten Preisen beeindrucken lassen.
Die Trendsetter-Verkoster, die solche „Granaten“ rühmen, belassen es beim gängigen Probeschluck. Der Weinfreund, der gerne zwei oder drei Gläschen, wenn nicht gar eine ganze Flasche angenehm und ohne gravierende Nachwehen genießen möchte, zeigt sich zusehends irritiert. Sein Weltbild vom Wein, der auch getrunken und nicht nur verkostet werden will, gerät ins Wanken. „Ein Problem ist sicherlich der Unterschied zwischen Probieren – mit Ausspucken – und Trinken“, sagt Joachim Koch vom Weingut Albert Kallfelz. „Viele Prüfer tappen allzu oft in die ‚Alkoholfalle’. Im allerersten Moment blendet der Alkohol. Würde man anschließend zwei bis drei Gläser des gleichen Weines wirklich trinken, würde die Begeisterung sehr schnell nachlassen.“

Die Abstufungsepidemie nimmt
bedenkliche Ausmaße an

In deutschen Weinlanden grassiert die Abstufungsepidemie, dass sich die Fassdauben biegen. Um in den öffentlichen Wettbewerben mithalten zu können und dem gerade auch von renommierten Journalistenkollegen angezettelten „Höhenrausch“ gerecht zu werden, tun sich die Erzeuger Gewalt an und verlieren dabei den soliden Kellerboden unter den Füßen. Sie bringen mit großem Eifer Weine auf die Flasche, die sie bei einem gemütlichen Beisammensein im engen Freundeskreis mit Lust zum Nachfassen nicht unbedingt auf den Tisch stellen würden. Dafür erfüllen solche Weine in unseren Tagen der Nachahmung vor allem amerikanischer Vorbilder alle Voraussetzungen für besondere Probier-Anlässe in Weinwettrennen um Lorbeerkränze.
Aus satten Auslesen werden wenig typische Spätlesen, und geborene Spätlesen, ja sogar Auslesen finden sich als Kabinettweine auf dem Etikett wieder, ohne den Charakter dieser Kategorie auch nur annähernd zu erfüllen. Die Winzer haben Kabinettweine – oder das, was sie wei-testgehend noch so nennen – im Angebot, weil die Kunden nach Kabinettweinen verlangen. Dabei gibt es ihn nur noch sporadisch, den echten ehrlichen trockenen schlanken Kabinett. Offenbart die Öchslewaage bei der Lese nämlich tatsächlich einmal, dass man im Kabinett-Paradies fündig werden könnte, wird der Most zumeist unverzüglich angereichert (vornehmer klingt „chaptalisiert“, was allerdings auch nichts anderes bedeutet, als dass der Most vor dem Vergären mit Zucker versetzt wird, der dann im Gärprozess eine Umwandlung zu Alkohol erfährt). Der fertige Wein wird schließlich als QbA (Qualitätswein bestimmter Anbaugebiete) oder an Mosel, Saar und Ruwer zum Beispiel als Hochgewächs auf die Flasche gebracht.
Schlimmer ist indes, dass der Begriff „Kabinett“ in vielen Betrieben verantwortungslos gehandelt wird. Kabinettweine mit 13 Volumenprozent und mehr sind nun mal keine Kabinettweine und dürften auch nicht so bezeichnet werden. Hier wird er Verbraucher gezielt in die Irre geführt. Das ist nicht rechtens und erfordert ein Eingreifen des Gesetzgebers.

Die Sache mit den Medaillen

Bei Veranstaltungen mit der Auslobung von Siegerweinen schneiden die dichten, dem Gaumen schmeichelnden alkoholreichen Anstellungen, die von Verkostern nach einem eilenden Probeschluck bewertet werden, selbstredend besser ab als schlanke Weine. Über ihre Qualität als Trinkgenuss sagen solche Urteile wenig aus.
Die exorbitant guten Ergebnisse, die für Weine mit einem hohen Alkoholgehalt eingefahren werden, bringen die Erzeuger leichterer Weine in die Bredouille. Da ist keine Gelegenheit in Sicht, im ungleichen Klassenwettbewerb eine absatzfördernde Auszeichnung zu erringen. „Wenn ich beispielsweise den 85-grädigen Weißen so…

Die vollständige Redaktion finden Sie in unserer Print-Ausgabe 06/07/2007