Herb oder mild

von Wilfried Moselt
„Rot oder weiß? Herb oder mild?“, fragt die Bedienung in der Kneipe an der Ecke, die sich auf den Verkauf von Bier versteht und Wein als Nischenanhängsel für unverbesserliche Nichtbiertrinker im Programm hat. Nach Rebsorten wird hier ohnehin nicht untergliedert. Nun denn!

„Wir hätten gerne einen trockenen milden Weißwein und einen lieblichen herben“, sage ich und füge zur Erläuterung an: „Die Dame trinkt nur Weine mit deutlicher Restsüße und einer ordentlichen Portion Säure. Ich habe heute einen etwas angespannten Magen und bevorzuge deshalb einen milden Wein. Aber trocken sollte er schon sein.“ Die Bedienung stutzt und schaut mich an wie jemanden aus der Psychiatrie, der auf Freigang ist.
„Also“, sagt sie. „Herb oder mild. Was anderes gibt es nicht.“ „Gut“, sage ich. „Dann nehmen wir zwei Bier.“
In seiner jüngsten Veröffentlichung zum Thema „Sekt“, die in diesen Tagen an die Medien ging, hat sich das Deutsche Weininstitut bemüht, dem Verbraucher die Unterschiede der französischen Einstufungen für Schaumweine nach extra brut, brut, sec etc. eingedeutscht zu vermitteln – und das ging ziemlich daneben.
Die deutschen Bezeichnungen herb und mild sind denkbar ungeeignet, den Restzuckergehalt eines Weines oder Sektes zu definieren, wie in dem Informationsschreiben geschehen. Sie können sich nur auf das Säurebild eines Weines oder Sektes beziehen.
Ein nicht korrekter Umgang mit den Weineinstufungen nach den Kriterien trocken, lieblich, herb und mild ist übrigens leider allenthalben in der deutschen Weinszene gang und gäbe. Der Versuch, sich der Pressestelle des DWI mit einem freundlichen Korrekturvorschlag anzudienen, wurde wie folgt beschieden. Zitat Ernst Büscher, noch Leiter der Pressestelle: „Vielen Dank für Ihre Hinweise. Sie haben nicht ganz unrecht (man beachte „nicht ganz“), dass der Begriff herb eventuell (man beachte „eventuell“) missverstanden werden könnte. Wir haben dies entsprechend geändert. Bezüglich der Bezeichnung ‚mild’ für Sekt stimmen Ihre Ausführungen jedoch nicht. Sekte mit über 50 g/l Restzucker werden nämlich gesetzlich als mild (doux) bezeichnet.“
Wenn man sich im DWI schon auf den französischen Ausdruck „doux“ beruft, so wäre „Nachstehendes festzuhalten.“
Das einsprachige französische Wörterbuch „Dictionnaire Hatier“ erläutert das Wort „doux“ wie folgt: agréable aux sens, à l’esprit, au coeur (angenehm für die Sinne, den Geist, das Herz), tempéré (temperiert, lau, klimatisch mild), affable (lieblich), bon (gut), non fermenté (nicht vergoren), malléable (schmiedbar).
Der Gesetzgeber hat in Deutschland ausdrücklich (das ist jedenfalls die Darstellung der Pressestelle) im Zusammenhang mit Wein und Sekt das deutsche Wort mild für den französischen Begriff doux vorgesehen. Sollte das zutreffen, wäre ihm zu bescheinigen, dass er hier in die Irre geht. Das deutsche Wort mild hat anders als der französische Begriff doux, der uns ja auch in der Bedeutung süß bekannt ist, in keinem Fall einen Bezug zur Restsüße im Wein oder Sekt und ist bei Weinen und Sekten mit mehr oder weniger ausgeprägter Restsüße zur Definition des Geschmacksbildes, die Süße betreffend, absolut fehl am Platz. Mit dem Wort mild kann man den weichen, von einer verhaltenen Säure getragenen Charakter eines Weines (oder Sektes) beschreiben, nicht aber seinen Gehalt an Restzucker. Dafür kommen die Begriffe lieblich oder süß (oder bei Weinen gegebenenfalls auch noch halbtrocken) infrage. Zur Erinnerung sei an die Geschmacksangaben für Weine und Sekte erinnert, die wie folgt aussehen:
Als trocken gelten in Deutschland Weine bis max. 9 g/l Restzucker bei rund 7 Promille Säure. Liegt der Säurewert darunter, ist der Restzuckergehalt entsprechend niedriger anzusiedeln, wenn der Wein als trocken ausgezeichnet werden soll. Ansonsten ist er als halbtrocken einzustufen. Ein als „für Diabetiker geeignet“ ausgewiesener trockener Wein darf in seinem Restzuckergehalt bei höchstens 4 g/l liegen.
Als halbtrocken gelten Weine mit mehr als 9 g/l bis max. 18 g/l Restzuck-er, als lieblich solche mit mehr als 18 g/l bis max. 35 g/l Restzucker und als süß solche mit mehr als 35 g/l Restzucker.
Bei Sekten finden andere Restzucker-Grenzwerte Anwendung. Man unterscheidet dort wie folgt:
brut zéro oder brut nature = ohne Dosage, mit ca. 0 g/l Restzucker, extra brut = 0 bis 6 g/l Restzucker, brut = ebenfalls 0 bis maximal 15 g/l Restzucker, extra trocken/extra dry = ab 12 g/l bis maximal 20 g/l Restzucker, trocken = ab 17 g/l bis maximal 32 g/l Restzucker (bei den Bezeichnungen brut zéro, brut nature, extra brut und brut einerseits und brut und extra trocken/extra dry andererseits sowie extra trocken/extra dry und trock-en gibt es Überlappungen), halbtrocken = ab 33 g/l bis maximal 50 g/l Restzucker und schließlich süß ab 50 g/l Restzucker (einen solchen Sekt als mild zu bezeichnen ist abwegig).

Es ist hoch an der Zeit, dem Verbraucher gewissermaßen „reinen Wein“ einzuschenken.