Aldi & Co. werden hoffähig

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen die meisten globalen Lifestyle- und Konsumtrends aus den USA. Manche waren modische Eintagsfliegen wie Petticoat und Hula-Hoop-Reifen. Andere prägen unser Leben nachhaltig bis heute: Coca-Cola, McDonald‘s, Starbucks, Jeans, Rock ´n‘ Roll, Amazon, Google.
Jetzt sieht es zum ersten Mal so aus, als könnte sich das in einigen Bereichen ändern. Mit dem Siegeszug des Sushi kam erstmals ein asiatisches Fastfood-Konzept weltweit zum Erfolg. Bollywood ist dabei, Hollywood den Rang abzulaufen – nicht erst seit Slumdog Millionär.
Auch im Einzelhandel zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab. Noch ist Wal Mart weltweit die Nummer eins der Branche, aber vieles spricht dafür, dass sich letztlich nicht das Konzept der Megamärkte weltweit durchsetzen wird, sondern die aus Deutschland kommende Form des Hard Discount. Einige Wirtschaftsexperten sind überzeugt: Aldi, Lidl & Co. liefern das Muster der künftigen Nahversorgung der Bevölkerung. Mit ihren straffen, übersichtlichen Sortimenten übernehmen diese Ketten die Rolle der alten Tante-Emma-Läden.
In der Schweiz hat der Markteintritt von Aldi und jetzt Lidl die Einzelhandelsstrukturen gründlich durcheinandergewirbelt und die bisherigen Platzhirsche Coop und Migros zu massiven Anpassungen nicht nur bei den Preisen gezwungen. In Dänemark schreibt Aldi erstmals schwarze Zahlen. In England verliert als Folge der Finanzkrise Aldi sein „Loser“-Image und in den USA unterhält das Unternehmen inzwischen rund 1.000 Filialen und plant den Schritt nach New York. Vor allem auch in Ost-Europa und Russland sind Discounter auf dem Vormarsch und die in Indien neu entstehenden Supermarktketten orientieren sich an ihrem Vorbild. Dies wird nicht ohne Auswirkungen auf die Weinwirtschaft bleiben; denn für die Discounter ist Wein ähnlich wie Milch und Milchprodukte ein strategisches Produkt im Kampf um Marktanteile. Heute wird bereits jede zweite Flasche aller in Deutschland verkauften Weine über einen Discounter abgesetzt. Aldi ist mit einem Anteil von 25 Prozent der größte deutsche Weinhändler und stärker wie der gesamte restliche LEH zusammengenommen, der es auf 21 Prozent bringt.
Das könnte leicht noch mehr werden; denn Aldi kämpft inzwischen nicht mehr allein an der Billig-Preis-Front sondern greift auch den Fachhandel an mit Konzeptweinen im Premium-Preissegment zwischen 5 und 8 Euro, die namhafte Winzerpersönlichkeiten für das Unternehmen entwickeln. Die beiden badischen Burgunder, die Fritz Keller für Aldi Süd kreierte und die der Discounter ebenso schnell wie erfolgreich vermarktet hat, waren nur der Anfang. Weit über eine Million Flaschen wurden davon verkauft. Die künftig benötigte Rebfläche wurde von 130 Hektar im Jahr 2007 auf jetzt knapp 400 Hektar ausgeweitet. Das sind immerhin eindrucksvolle 2,5 Prozent der gesamten Anbaufläche in Baden.
Das hat dazu geführt, dass in den vergangenen Monaten alle Dämme in der Weinwirtschaft gebrochen sind. Aldi ist inzwischen als Distributionskanal hoffähig bis hinauf in die nobelsten Weinkreise. Mit Marchese Carlo Guerrieri Gonzaga aus dem Trentino hat erstmals ein italienischer Spitzenwinzer einen Markenwein für den in Mülheim an der Ruhr ansässigen Discounter kreiert. Miguel Torres aus Spanien zog nach mit seinem Titanes und ebenso Moselwinzer Raimund Prüm mit einem Riesling und auch Cru Bourgeois aus Bordeaux sind sich nicht mehr zu schade, ihre Weine via Aldi zu vermarkten.

Die vollständige Redaktion finden Sie in unserer Print-Ausgabe 04/2009