Die neuen Gesichter des Weins

von Mario Scheuermann

Jedes Ding hat seine Zeit. So steht es schon in der Bibel. Und das gilt auch heute noch. Nehmen wir beispielsweise das klassische Restaurant. Das gab es vor der Französischen Revolution nicht. Es ist ein Produkt der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts.
Im Unterschied zum alten Gasthaus oder auch zur Table d’Hôte bot das Restaurant den Gästen erstmals die Möglichkeit, auch allein oder zu zweit an einem eigenen Tisch zu speisen, aus einer Karte individuell auszuwählen und Wein aus einer Flasche zu trinken. Bis dahin wurde dieser in Karaffen oder Krügen serviert. Die enthielten einen der Hausweine, die im Keller in Fässern lagerten und bei Bedarf gezapft wurden. Die Flasche auf dem Tisch war eine kulinarische Revolution.
Auch wenn die Sternegastronomie landauf, landab einen anderen Eindruck zu erwecken versucht, muss man festhalten, dass das klassische Restaurant ein Auslaufmodell ist. Der Außerhausverzehr wird dominiert von Fast-Food-Outlets, Caterern und Konzeptlokalen, die von Franchise-Nehmern betrieben Die neuen Gesichter des Weinswerden. Gourmetrestaurants sind Dinosaurier. Und die sind bekanntlich ausgestorben. Ein ähnliches Schicksal droht auch der Weinflasche. Sie ist schwer, fragil und daher vergleichsweise schwierig zu transportieren. Zudem ist ihre Energiebilanz schlecht. Alternativen gibt es bereits viele: Bag in Box, Tetrapak, Pouch Bag. Ob sich davon eine durchsetzen wird oder ob etwas völlig Neues erfunden werden wird, ist eine andere Frage.
Beaujolais gibt es bereits in Aluflaschen, und die australische Foster’s-Gruppe wird in Zukunft einen Teil ihrer populärsten Weinmarke Wolf Blass in PET-Flaschen füllen. Mit dieser Maßnahme hofft man, bei der wachsenden Gruppe ökologisch bewusster Konsumenten in aller Welt punkten zu können, da PET-Flaschen um 90 Prozent leichter als Glasflaschen und mit einem um 29 Prozent geringeren Ausstoß an Treibhausgasen zu produzieren seien. Diese neuen Behältnisse mögen uns allen nicht sonderlich appetitlich erscheinen und zu wenig kulturtauglich, aber sie haben den Vorteil, leichter und umweltverträglicher zu sein. Und da sich inzwischen auch die Designer der Sache angenommen haben, sind sie gelegentlich bereits zeitgeistig gestaltet. So kann man einen Cru bourgeois aus dem Médoc im Escada-Look kaufen.
Würden 90 oder 95 Prozent der globalen Weinproduktion in solche Behältnisse gefüllt und darin vertrieben, wäre das nicht nur für die Umwelt besser, sondern eröffnete auch den Spitzenweinen dieser Welt die Möglichkeit zu einer ganz eigenen Marketingstrategie. Sie könnten nicht nur weiter in die dann tatsächlich als edel empfundene Flasche gefüllt werden, es böte sich auch dem Naturkork die Chance für eine Renaissance. Die dann vergleichsweise nur noch geringe benötigte Menge hätte eine relativ zügige Regeneration der Korkwälder zur Folge.
Die Rinden könnten länger wachsen und sie müssten dann auch nicht mehr industriell zu Korken verarbeitet werden. Die Verschlüsse kämen wieder aus Manufakturen wie früher. Ein solch traditionelles Packaging mit Flasche und Naturkork wäre dann zwar erheblich teurer, aber es würde tatsächlich Wertigkeit ausstrahlen. So oder so: Das Gesicht des Weins wird sich verändern.