Sommertheater um den Gault Millau

von Maro Scheuermann

Nichts ist’s mit dem Sommerloch. In diesem Jahr führt auch die deutsche Weinwirtschaft ein veritables Sommertheater auf. Man weiß zwar noch nicht so recht, um was für eine Art von Stück es sich handelt, aber der Titel steht fest. Wie einst Sieben gegen Theben heißt es heuer: 14 gegen den Gault Millau oder das Fähnlein der aufrechten Winzer gegen die Verschwörung der Weinkritiker. Von allen Seiten wird auf mancherlei Bühnen simultan und fleißig agiert. Und die kunterbunte Inszenierung hat von allem etwas: Burleske, Komödienstadl, Rüpelspiel à la Shakespeare, Schmierenkomödie und Drama mit Mantel und Degen. Zu hoffen bleibt nur, dass es nicht als Tragödie endet.
Am Anfang stand ein ganz einfacher geschäftsmäßiger Vorgang. Im vergangenen Jahr hatte der Wein-Guide Gault Millau den Besitzer und Lizenznehmer gewechselt.
Während der frühere Rechteinhaber es jahrelang den in dem Guide besprochenen und bewerteten Weingütern kostenlos gestattet hatte, mit Namen und Signet mit Punkten und Auszeichnungen zu werben, will der neue Besitzer von seinem guten ¬(Urheber-)Recht Gebrauch machen und solche Nutzungsrechte nur noch gegen eine freiwillige Gebühr in Höhe von 195 Euro zulassen. Wer zahlt, darf damit werben und bekommt die entsprechenden Unterlagen; wer nicht zahlt, darf das nicht. So einfach, so gut. Dies ist weltweit Usus und nichts, worüber man sich aufregen könnte. Wer mit Ergebnissen der Stiftung Warentest oder von Öko-test werben will, muss dafür zahlen. Andere gehen gleich viel weiter. Egal, ob DLG in Frankfurt, Falstaff Guide in Wien oder Beverage Tasting Institute in Chicago: Wer dort Weine anstellt, wird selbstverständlich zur Kasse gebeten.
Man hätte also zur Tagesordnung übergehen können. Doch 14 prominente Winzer erkannten das Erregungspotenzial und nutzten die Gunst der Stunde. Sie schrieben einen öffentlichen Protestbrief und setzten den Verlag derartig unter Druck, dass der langjährige Chefredakteur Armin Diel genervt das Handtuch warf und der Verlag dienstfertig zustimmte, die redaktionellen Regularien den Wünschen der Winzer anzupassen.
Was die Akteure nicht bedacht hatten, war das Faktum, dass die weit überwiegende Mehrzahl der Weinjournalisten quer durch alle Fraktionen und über Animositäten hinweg sich hinter Armin Diel stellte.
Wolfgang Junglas, Vorsitzender des Fachjournalistenvereins Weinfeder, artikulierte es in einem ebenfalls offenen Brief: „Was bedeutet der Konflikt für den Weinjournalismus? Bestimmen die Winzer in Zukunft, wer sie bewerten darf und wer nicht? Müssen wir um Erlaubnis fragen, wen wir bewerten dürfen? Nach Jahren der vertrauensvollen Zusammenarbeit scheint ein tiefer Riss zwischen Weinjournalismus und Winzerschaft zu klaffen. Das empfinden die meisten von uns so“.
Die 14 Rebellenwinzer haben mit ihrer Aktion eine Büchse der Pandora geöffnet mit nicht absehbaren Folgen. Seither versucht jeder, auf dem entstandenen Flächenbrand sein Süppchen zu kochen. Der Hamburger Jahreszeitenverlag kündigte flugs für den Herbst ein Konkurrenzprodukt zum angeschlagenen Gault Millau an, und ein anderer Mitbewerber, der Heidelberger Gerhard Eichelmann, stellte sich selbst in einer Presseerklärung den Persilschein der Unabhängigkeit und Unbestechlichkeit aus. Um so dubioser dann ein Artikel in der FAZ, in der ein mit Eichelmann offenbar recht gut bekannter Volontär namens Alard von Kittlitz in einem schlecht recherchierten Pamphlet gegen die Weinkritik im Allgemeinen und den Gault Millau im Besonderen loslegte. Gemeinsam hatten er und Eichelmann das Weingut Battenfeld-Spanier besucht und sich dort für den Artikel munitioniert. Nur peinlich, dass der zitierte Informant Oliver Spanier das alles nicht gesagt haben will und Kittlitz in einem Brief als Lügner bezeichnet.
Auch der Weinkritiker Rudolf Knoll und der Hauptgeschäftsführer der Handelskammer in Koblenz, Podzun, protestierten in Briefen an die Chefredaktion der FAZ auf das Heftigste. Weinblogger Dirk Würtz betätigte sich derweil als Enthüllungsjournalist und deckte in seinem Weblog Wuertz Wein genüsslich dieses Intrigenspiel auf. Nach den Regeln der klassischen Dramaturgie befinden wir uns erst am Ende des zweiten Aktes.

Fortsetzung folgt. Bestimmt!