Liebe Leser, in dieser Kolumne kommen Sie zu Wort. Schreiben Sie Viktor, er wird auch niemanden verraten. Großes Ehrenwuff!

Viktor

Misere: Studien

„Laut einer von der Bundesregierung in Auftrag gegebenen Studie“ oder „Das ist das Ergebnis einer Studie des Sowieso-Instituts“ hängt ja gerne reißerisch am Anfang oder Ende einer Nachricht, um uns weiszumachen, dass die Erkenntnis dieser Studie unumstößlich sei.

Gleichwohl beschleicht uns immer das Gefühl, dass dahinter ein riesiger Markt steckt und die Institute alles analysieren, was nicht niet- und nagelfest ist. Immerhin hat die Zahl der Studien in den letzten zehn Jahren um über 120 Prozent zugenommen. Offensichtlich ist nur wichtig, dass die Studie gut honoriert und in irgendeiner Form veröffentlicht wird, egal wo. Wie sonst ist die Flut von Studien zu erklären? Und im Kosmos der Studien wird kaum ein Irrsinn vergessen.

Da hatte eine italienische Urologin die Beckenmuskulatur bei Frauen zwischen 29 und 49 Jahren abgetastet und kam zu einer bahnbrechenden Erkenntnis: „Frauen, die hochhackige Schuhe tragen, kommen schneller zum Orgasmus.“ Ob die italienischen Männer in die Schuhgeschäfte stürmten und alles Hochhackige aufkauften, was sie in die Finger kriegten, wäre ja eine Anschlussstudie wert. Oder ihr Landsmann, der Physiker Franco B., der sich mit der Frage auseinandersetzte, ob man bei Regen trockener bleibe, wenn man renne, oder es besser sei, langsamer zu gehen. Die Antwort mag auf der Hand liegen: Wer schneller rennt, wird weniger nass. Doch der Physiker hat sich richtig ins Zeug gelegt, hat mit Quadern und Ellipsen experimentiert. Das Ergebnis: Schlanke Menschen sollten mit der Windgeschwindigkeit gehen; Dicke tun gut daran, sich zu beeilen, weil sie aufgrund ihres Körpervolumens mehr Regen abbekommen als Dünne. Eine simple Empfehlung – den Schirm nicht zu vergessen – hätte ja auch gereicht.

Manchmal liest man derartige Studien mit einem Kopfschütteln und nimmt sie mit Häme und Schadenfreude zur Kenntnis. Aber das wäre zu kurz gedacht – nimmt man zum Beispiel die Studie zur „Unwissenheit“.

Diese hat ergeben, dass Unwissenheit die Fähigkeit des Gehirns ist, wichtige Informationen zu filtern und langfristig zu entsorgen. Sie kommt heutzutage in fast allen Gesellschaftsschichten vor und ist vererbbar oder auch erlernbar. Die Studie hat belegt, dass Unwissenheit eine spezifische Form von Intelligenz ist. Und den neuesten Erkenntnissen zufolge ist die häufigste Form die Weichbirne. Sie ist anerkannte Qualifikation für BWL, die Lehre vom Besserwissen über qualifiziertes Scheitern.

Ein Studiengang zum modernen Manager und Politiker, der zum Sammelbecken talentfreier Abiturienten mutiert und beste Voraussetzungen für Führungspositionen schafft. Ausgestattet mit einem Ego kurz vor dem Platzen steigen sie in die Wirtschaft oder Politik ein.

Wenn sie dann ganze Unternehmen vor die Wand gefahren oder Milliarden Steuer­gelder sinnlos versenkt haben, so die Studie zur Unwissenheit, tauchen sie aus dem Nichts wieder auf und veröffentlichen Studien, die keiner braucht.

 

Euer Viktor