Liebe Leser, in dieser Kolumne kommen Sie zu Wort. Schreiben Sie Viktor, er wird auch niemanden verraten. Großes Ehrenwuff!

Viktor

Ausflug mit „Fremdschämen“

Frauchen und seine Freundin freuten sich so richtig auf einen schönen Ausflug aufs Land, und ich durfte natürlich auch mit. Mal so einen ruhigen Tag in der Natur verbringen, lange Spaziergänge und irgendwo lecker essen.
Frauchen machte gerade Frühstück, wie immer lief das Radio. Plötzlich kam ein Spot. Da hat ein Wasserproduzent ein Wasser entwickelt, das denkt. „Respekt“, dachte Frauchen sich, „Wasser, das denkt“, und öffnete den Kühlschrank. Ganz hinten stand noch eine ominöse Tupper-Dose mit Käse.
„Oh oh“, dachte Frauchen, „ob der wohl noch gut ist?“ Als es die Dose aufmachte, rieb sich der Käse verwundert die Augen. „Bitte das Licht aus“, bat er. Das Wasser denkt, der Käse spricht. „Heute empfehle ich zu mir eine Bifi, die Wurst, die läuft“, klang es dumpf aus der Käsedose. – „Die machen mich ganz kirre mit ihrer Werbung“, dachte Frauchen und knallte die Kühlschranktür zu.
Als wir losfuhren, schien die Sonne, und aus dem Radio trällerte Gute-Laune-Musik. Plötzlich kündigte eine Stimme Werbung an, und das Unheil nahm seinen Lauf.
„Anton K. aus B. fuhr über ein Schlagloch – und krach, war die Scheibe gerissen. Na, wär er lieber vorher zu uns gekommen. Carglass repariert – Carglass …“ – „Nervig“, sagte die Freundin und drückte einen anderen Sender. Da wurde es noch schlimmer. Irgendwie amateurhaft und mit schwäbischem Akzent wird geschmatzt und gebabbelt, was das Zeug hält: „Na ja, dann probierscht es halt: Seitenbacher Müsli.“ Hier quasselt der Chef noch selbst, gruselig. Dann bekamen wir es aber voll auf die Ohren. „Elfachttausend, elf­achttausend – mit drei Nullen wie drei Stullen“, sang da die Katzenberger, dass einem die Hundehaare zu Berge standen. „Das ist ja ätzend“, schrie Frauchen, „für wie blöd halten die uns eigentlich?“
Doch Umschalten auf andere Sender half da auch nicht. Auf allen Wellen war allgemeines „Fremdschämen“ angesagt. Stratmann hämmerte im besten Ruhrpottdialekt: „Möbel … direkt in Essen anne B 224. Dat beste Möbelhaus vonne ganze Welt.“ Und dann: „Oh, ihr habt ja schöne Trauringe.“ – „Jaaaaa, und die waren gaaaanz billig. Die sind auch von 123gold.de.“ Gefolgt von: Klatsch bumm bumm, klatsch bumm bumm, wie wo was bei Obi.
Als der Nervfaktor kurz vor dem Siedepunkt stand, kam der absolute Crash: „Nur noch heute: 20 Prozent auf alles – außer Tiernahrung.“
Da hatte ich aber die Schnauze voll. „Wir brauchen einen Gleichstellungsbeauftragten für Tiere“, dachte ich wütend. Klack, das Radio verstummte. „Aus, Ende, jetzt machen wir uns einen schönen Tag“, meinte Frauchen. Auf dem Rückweg hielten wir noch an einem Kiosk an, und Frauchen kaufte sich schnell eine „Schöner Wohnen“, „essen & trinken“ oder „Leben“ oder so. „Jetzt ein schönes, heißes Bad“, sagte Frauchen zu Hause und schaltete das Radio ein. „Super Musik“, dachte es noch so, als es ganz entspannt in der Badewanne lag. Beim Aufschlagen des tollen Hochglanzmagazins plumpsten eineinhalb Pfund bunter Beilagen und Flyer in das wärmende Wasser und verschwanden unter der dicken Schaumkrone.
„So ein Mist“, schimpfte Frauchen. Und aus dem Radio erklang die Stimme: „Werbung“.

Euer Viktor