Liebe Leser, in dieser Kolumne kommen Sie zu Wort. Schreiben Sie Viktor, er wird auch niemanden verraten. Großes Ehrenwuff!

Viktor

Papandreou’s Nightmare – Highway to Hell[as]

Es ist früher Morgen. Der alte Bahnhof liegt verlassen im Frühnebel. Die Nacht will nicht so richtig zum Tag werden, als spüre sie, dass irgendetwas nicht stimmt. Lange, ganz lange her, dass hier Züge abgefahren sind.
Die riesige Lokomotive mit ihren nicht endenden Waggons steht monströs im Nieselregen des Morgengrauens. Die wenigen Arbeiter kontrollieren ehrfurchtsvoll die schweren Verladetüren. Alles ist verplombt. Auf dem Bahnsteig herrscht gespenstische Ruhe. Das erste Licht des Tages trifft auf die Stahlkolosse und lässt sie wie Ungeheuer erscheinen.
Schwer bewaffnete Sicherheitsbeamte in dunklen Overalls und Sturmhauben bewachen die gespenstische Szenerie. Stille, nur die Kommunikation über die Headsets der Security wird als dumpfes Rauschen wahrgenommen.
Aus dem Führerhaus schaut ein Mann, nervös und angespannt. Jean-Claude Juncker, der Zugführer, weiß um die enorm wichtige Fracht, die er und sein Cheftechniker Jean-Claude Trichet heute nach Südeuropa bringen müssen. Schon oft haben beide riskante Ladungen kreuz und quer durchs Euro-Land transportiert. Aber heute ist es irgendwie anders. Unheimlich, fast ängstlich. Aus dem Schacht, der auf den Bahnsteig führt, dringen Geräusche nach oben. Im Führerhaus knarzt es aus dem Lautsprecher und unterbricht brutal die Stille. „Sie kommen“, flüstert eine Stimme.
Jean und Claude starren gespannt aus der kleinen Luke. Im schummrigen Licht der alten Hängeleuchten können sie drei Gestalten erkennen. Ihre Auftraggeber, Merkel und Sarkozy, huschen über die kalten, gelblich gebleichten Fliesen auf das Führerhaus zu. Ein Dritter namens Bunga Bunga trägt einen kleinen schwarzen Lederkoffer und grinst. Die drei stehen vor dem Führerhaus und reichen den Koffer durch die kleine Öffnung der beschlagenen Scheibe nach oben. Jean und Claude stehen trotz der Morgenkühle Schweißperlen auf der Stirn. Im Nacken sammelt sich Schwitzwasser.
Kein Wort fällt. Jeder kennt seine Aufgabe. Nur die fünf und einige Griechen wissen um die Fracht. Sie schauen sich in die Augen, und Sarkozy reckt den Arm in die Höhe. Abmarsch. Jean bringt die riesigen Dieselmotoren in Gang. Der Zug verlässt schwerfällig das brachliegende Areal. Ohrenbetäubender Lärm erfüllt den Bahnsteig. Helikopter steigen auf. Ihre Scheinwerfer schmeißen ein grelles Licht auf die Gleise. Die Sicherheitsbeamten bringen ihre Waffen in Anschlag. Vor dem Bahnhofsgebäude steigen die Auftraggeber von Jean und Claude in schwere, dunkle Limousinen und rauschen davon in den grauen Morgen. Stille legt sich wieder wie Blei auf das alte Bahngelände.
An einer Gleisanlage haben schon seit Stunden einige Männer ihre knochenharte Arbeit verrichtet. Im sicheren Dunkel der Nacht haben sie mit schwerem Gerät eine Mauer abgerissen. Lange haben sie an diesem Plan gearbeitet und wussten nie, ob sie ihn auch durchführen sollen. Doch jetzt ist die Zeit reif. Die Mauer des Schweigens ist zerstört. Wolfgang Bosbach und Hermann Otto Solms klopfen sich den Dreck und Staub von der Arbeitskleidung. Hans-Werner Sinn hat schon das schwere Gerät an den überwucherten Hängen der Gleise verstaut, als das erste Licht den Morgen ankündigt. Aus dem Dunkel der nahen Tannenschonung kommen Philipp Rösler und Horst Seehofer und bringen heißen Tee. Die schwere Arbeit haben sie den anderen überlassen. Sie waren sich nicht immer einig, doch nun sind sie eine verschworene Gemeinschaft, und sie werden immer mehr. Die Gemeinschaft der Rettungsgegner.
Als der Tag die Nacht vollends abgelöst hat, nehmen die Rettungsgegner ihren Platz auf den Gleisen ein. Da, wo einst die Mauer des Schweigens stand, sitzen sie nun in der aufsteigenden Sonne auf den kalten Stahlschienen und trinken Tee. Der leichte Morgenwind lässt ihre von der schweren Arbeit schwitzende Haut frösteln. Trotz alledem: Sie sind froh, es endlich getan zu haben. Das Brummen der Helikopter in der Ferne kündigt die Ankunft der schweren Lokomotive mit ihrer unsagbar teuren Fracht an.
Die helle Morgensonne taucht das Schlafgemach des Georgios Papandreou in gleißendes Licht. Im fernen Athen ist es schon am frühen Morgen heiß, und der Ministerpräsident hatte einen schaurigen Traum. Einen Albtraum, der ihn nass geschwitzt aufwachen ließ. Es schüttelt ihn, als er nach seinem Handy auf der Nachtkonsole greift. „Mich haben auch schon oft Albträume geplagt, Georgios“, beruhigt ihn die Bundeskanzlerin. „Mach dir da keine Sorgen, der Zug ist abgefahren, mein Lieber.“

Euer Viktor